© Illustration: Carlos Arrojo

Neue Bündnisse für mehr Relevanz


Ob Dorfentwicklung, Handwerks- oder Wirtschaftsförderung: Mit kreativen Kooperationen kann der Tourismus neue Relevanz gewinnen und zeigen, dass er mehr ist als nur eine Gute-Laune-Branche

Quick Wins

Verständnis stärken
Verblüffende Einsichten und überraschende Rückmeldungen: Die meisten kennen den touristischen Blickwinkel überhaupt nicht.

Partnerschaften ausbauen
Einflussreiche Partner sind Gold wert. Wenn die Wirtschaft Wert auf den Tourismus legt, tun es die politisch Verantwortlichen auch.

Orte gemeinsam entwickeln
Es gilt, Verknüpfungen herzustellen. Ist der Tourismus Teil einer nachhaltigen Dorfentwicklung, sehen plötzlich alle seinen Nutzen.

Chemnitz ist keine Reisestadt. Zumindest galt dieser Satz bis 2025. Da stand die sächsische Industriemetropole ein Jahr lang als europäische Kulturhauptstadt im Mittelpunkt des Interesses. Dabei ist Erstaunliches passiert in einem Gemeinwesen, das sich in dieser Zeit ganz neu entdeckt hat, mit Kooperationen, die bis dahin keiner für möglich hielt.

Eine dieser Kooperationen war der sogenannte „Maker-Advent“. Ein kreatives Aktionsbündnis im Weihnachtsland Sachsen, bei dem die Besucherinnen und Besucher etwas ganz anderes erlebten als sonst in der Adventszeit. Statt sich nur berieseln zu lassen, wurden sie selbst Handwerkerinnen und Handwerker, frästen Schwibbögen und klöppelten Anhänger, upcycelten Nussknacker oder probierten sich an 3D-Druckern aus.

Bündnis mit der Kreativwirtschaft 

Der Maker-Advent war ein Projekt der „Kultur- und Kreativwirtschaft Sachsen“. Als Bündnispartner wählte diese ganz bewusst den Tourismus aus, sowohl auf lokaler Ebene als auch langfristig bezogen auf den sächsischen Landesverband, den LTV Sachsen, mit dem ein Kooperationsvertrag geschlossen wurde. Was dabei herauskam, war durchaus beeindruckend.

Wir haben Menschen in den Tourismus eingebunden, die sich bisher nicht als touristische Leistungsträger gesehen haben.

Josephine Hage, Kuratorin des Maker-Advents in Chemnitz

Handwerker zum Beispiel, die ihre Werkstätten öffneten und erlebten, wie aus dem Kontakt zu den Besuchenden etwas Längerfristiges wurde: „Das hat die Nachfrage weit über die Weihnachtssaison hinaus verstärkt“, freut sich die Kuratorin.

Der Lohn für die gemeinsame Anstrengung war der Deutsche Tourismuspreis, der an den Landesverband der Kreativwirtschaft verliehen wurde. Die Jury des Deutschen Tourismusverbandes (DTV) lobte dabei ausdrücklich den Wert für die Stadt- und Regionalentwicklung, den das Projekt hatte, seine Übertragbarkeit und die Vernetzung der verschiedenen Akteurinnen und Akteure.

„Das waren tolle Effekte“, bilanziert auch Josephine Hage, „mit neuen Erlebnissen für Gäste und Einheimische. Die Leute wurden Teil einer Gemeinschaft, eine Art ‚temporary citizenship‘.“ Zugleich war es ein Impuls für einen kreativen Ganzjahrestourismus. „Das Konzept soll weitergeführt werden“, sagt die Kuratorin, „wir sind mit den Touristikerinnen und Touristikern im Gespräch, wie man andere Produkte auf diese Art nutzbar machen kann.“

Tourismus benennt ungenutzte Potenziale

Es ist immer wieder spannend, wenn der Tourismus seine klassischen Felder verlässt und Teil einer regionalen Entwicklungsinitiative wird. Das hat auch Anja Hemmerich von der Tourismus Marketing GmbH Baden-Württemberg (TMBW) erlebt. Die Projektmanagerin für Landurlaub war Mitglied der Prüfungskommission beim Landeswettbewerb „Unser Dorf hat Zukunft“, früher bekannt unter dem Namen „Unser Dorf soll schöner werden“.

GUT ZU WISSEN

Der Wettbewerb „Unser Dorf hat Zukunft“

Die Ursprünge des bundesweiten Wettbewerbs „Unser Dorf hat Zukunft“ gehen ins Jahr 1961 zurück. Damals rief der Präsident der Deutschen Gartenbaugesellschaft, Lennart Graf Bernadotte, Herr der Blumeninsel Mainau, eine Initiative ins Leben, bei der Orte auf dem Land ihr Erscheinungsbild verbessern sollten. Unter dem Titel „Unser Dorf soll schöner werden“ traten sie miteinander in den Wettbewerb, vor allem um Grünanlagen und den Blumenschmuck ging es dabei. 1998 bekam der Wettbewerb vor dem Hintergrund der Umweltkonferenz von Rio de Janeiro eine neue Ausrichtung, bei der es um eine ganzheitliche und nachhaltige Entwicklung sowie um eine Zukunftsperspektive ging. Die Aktion bekam nun den Zusatz „Unser Dorf hat Zukunft“, der schließlich 2007 den bisherigen Titel „Unser Dorf soll schöner werden“ ersetzte. 2016 wurde das Projekt Teil des „Bundesprogramms Ländliche Entwicklung und Regionale Wertschöpfung“ im Auftrag des Bundeslandwirtschaftsministeriums. Der Wettbewerb findet alle drei Jahre statt. Bewerben können sich Dörfer und benachbarte Dorfgemeinschaften mit bis zu 3.000 Einwohnenden. Bevor es zu einer bundesweiten Entscheidung kommt, finden Landes- und Bezirkswettbewerbe statt. Eine Bundesbewertungskommission bewertet schließlich alle Dörfer, die sich auf Landesebene qualifiziert haben. Dass auch Vertreterinnen und Vertreter aus dem Tourismus zur Prüfungskommission gehören, ist erst seit wenigen Jahren der Fall: Ausdruck eines veränderten Bewusstseins, das anerkennt, dass auch der Tourismus zu einer nachhaltigen Dorfentwicklung beiträgt.

Es war das erste Mal überhaupt, dass eine Vertreterin des Tourismus dabei war, eine inspirierende Erfahrung für alle Seiten: „Die unterschiedlichen Blickwinkel waren sehr spannend. Viele haben darüber gestaunt, was mir als Touristikerin auffiel und wo ich Potenziale sehe. Mir ging es andersherum genauso.“ 

Das Interessante an diesem Wettbewerb ist, dass es hier längst um weit mehr geht als um schöne Blumenkästen und ein adrettes Erscheinungsbild. Die Dorfentwicklung steht im Mittelpunkt mit sämtlichen ihrer Facetten. Dass der Tourismus das örtliche ÖPNV-Angebot verbessern kann und für Dorfläden ebenso eine Chance darstellt wie für Gasthäuser und Cafés – all das konnte Anja Hemmerich vermitteln.

„Es ging darum, Verknüpfungen aufzuzeigen, viele der Wechselwirkungen mit dem Tourismus waren den Verantwortlichen nicht bewusst“, sagt die TMBW-Projektmanagerin im Rückblick. Defizite hat sie auch festgestellt, was das Know-how der Vermarktungsmöglichkeiten angeht: „Viele wussten nicht, wie und wo man seine Angebote bewirbt und welche Plattformen es bei den touristischen Dachverbänden gibt.“

Der Nutzen liegt für Anja Hemmerich auch im Austausch mit anderen Mitgliedern der Prüfungskommission: „Es sind direkte Kontakte entstanden, die in der Zukunft weiterhelfen können. Hier waren zwölf Menschen aus unterschiedlichen Arbeitsbereichen intensiv im Austausch.“

Ferienwohnung im alten Schulhaus

Auch in dem Projekt „Albergo diffuso“ der Schwarzwald Tourismus GmbH (STG) steht die Dorfentwicklung im Mittelpunkt. Das Konzept stammt aus Italien und bedeutet übersetzt „Verstreutes Hotel“. Dabei wohnen die Gäste in verschiedenen Häusern des Ortes, mit einer zentralen Rezeption und einem gemeinsamen Frühstücksort. Dahinter steckt jedoch mehr als ein ungewöhnliches Erlebnis für Übernachtungstouristen.

Albergo diffuso kann eine Aufbruchsstimmung erzeugen in Orten mit Leerständen und zurückgehenden Gästezahlen.

Heide Glasstetter, Projektleiterin bei der Schwarzwald Tourismus GmbH

Idealerweise sei damit die Wiederbelebung eines geschlossenen historischen Gebäudes verbunden.

Das kann ein ehemaliges Schulhaus sein, das zum Urlaubsquartier wird, oder ein altes Dorfgasthaus, das im Rahmen des Projekts zu neuem Leben erwacht. Die Schwarzwald Tourismus GmbH begleitet den Prozess, hilft bei der Konzepterstellung, bietet Workshops an. Bis zu fünf Gemeinden können auf diese Art und Weise unterstützt werden. „Investieren müssen sie selbst, aber wir helfen auch bei der Suche nach Fördergeldern“, betont die Projektleiterin der STG.

Voraussetzung ist, dass an Ort und Stelle die Eigentumsverhältnisse geklärt sind und dass es eine verantwortliche Ansprechperson gibt. Man muss dabei das Rad nicht unbedingt neu erfinden, sondern kann das Konzept auch in einen bereits bestehenden Dorfentwicklungsplan integrieren: Der Tourismus als Baustein einer dörflichen Zukunftsperspektive, verbunden mit einem besonderen Erlebnis für die Gäste – eben darum geht es Heide Glasstetter und der Schwarzwald Tourismus GmbH.

Einheimische öffnen ihre Türen

Wie gut sich die Interessen von Einheimischen und Gästen zuweilen verbinden lassen, zeigt auch die Initiative „Schellsch halt mol“ aus dem Hochschwarzwald. Übersetzt ins Hochdeutsche heißt das: „Einfach klingeln“. Eine Einladung an Touristinnen und Touristen, die inzwischen von 70 Menschen der Ferienregion ausgesprochen wird.

Die Idee hat in der Schließung der Touristinformation Breitnau ihre Wurzeln. Diese war 2023 durch ein digitales Infoterminal ersetzt worden. Bei dessen Eröffnung machte der lokale Unternehmer Jochen Faller den ungewöhnlichen Vorschlag, dass die Besucher doch bei ihm klingeln könnten, wenn sie einen persönlichen Kontakt suchten.

Die Idee gefiel der Hochschwarzwald Tourismus GmbH (HTG) so gut, dass sie daraus eine Aktion für die gesamte Region machte. Wer wollte, konnte sich melden und registrieren lassen. Es wurde eine eigene Unterseite auf der HTG-Homepage mit den Adressen der Beteiligten erstellt und obendrein ein Schild an die Haustür geschraubt mit eben jenem Satz „Schellsch halt mol“ – als badisches Willkommenssignal für die Gäste.

Was 2024 begonnen hat, geht jetzt bald ins dritte Jahr. Eine Erfolgsgeschichte, die auch Matthias Maier, Pressereferent bei der HTG, sehr positiv überrascht hat. „Der Nutzen für alle Seiten ist groß. Die Einheimischen geben unseren Gästen authentische Tipps und ein Stück echte Willkommenskultur weiter“, sagt er.

Mit der Beteiligung ist die Hochschwarzwald Tourismus GmbH mehr als zufrieden. Was mit
30 offenen Türen begann, hat sich zwischenzeitlich mehr als verdoppelt – Tendenz steigend. Das ist ein gutes Zeichen, auch für die Tourismusakzeptanz. Man hält sich die Urlauberinnen und Urlauber nicht vom Hals, sondern bittet sie sogar zu sich in die Wohnung herein. 

Industrie war doch viel wichtiger

Zeitlich limitiert ist die Aktion nicht. „Wir wollen das fortsetzen und zwar langfristig“, sagt Matthias Maier, der weiß, wie sehr die Urlauberinnen die Geheimtipps der Dorfbewohner zu schätzen wissen: Die dürfen, im Gegensatz zu den Mitarbeitenden der Touristinformation, die hier eher der Neutralität verpflichtet sind, auch mal ihr Lieblingsgasthaus ganz explizit weiterempfehlen. 

Zählt der Hochschwarzwald schon lange zu den Hotspots des Freizeittourismus, so ist das im Donaubergland ganz anders. „Lange war man hier der Meinung, dass wir den Tourismus überhaupt nicht brauchen“, sagt Geschäftsführer Walter Knittel. Die Region um Tuttlingen ist ein bekannter Industriestandort, vor allem die Medizintechnik genießt einen internationalen Ruf.

So suchte sich Knittel als Leiter der Donaubergland Marketing und Tourismus GmbH die Unterstützung eben dort, wo Geld und Einfluss eng beieinander liegen: bei der Wirtschaft. Als gemeinsames Projekt schlug er die Betreuung und Finanzierung der Wanderwege vor – und stieß damit auf offene Ohren. 

Zwischenzeitlich gibt es zehn Partnerfirmen, die eng mit den Tourismusschaffenden zusammenarbeiten. Sie tun das auch, weil sie selbst etwas davon haben: „Längerfristige Bindungen brauchen einen Nutzwert für alle“, sagt Walter Knittel. Für die Unternehmen liegt der auch im Freizeitwert einer Region, der mit gut gepflegten Wanderwegen steigt – ein nicht unwichtiger Aspekt in der Mitarbeitergewinnung.

Imagepflege und Gesundheitsvorsorge

Überdies können die Firmen so zeigen, dass sie etwas für ihre Region tun – Wegepatenschaften als ein Stück Imagepflege. Außerdem lässt sich das mit betrieblichen Gesundheitsangeboten verknüpfen, etwa wenn geführte After-Work-Wanderungen stattfinden.

Der Wert der nun schon zehn Jahre währenden Kooperation ist in den Augen von Walter Knittel außerordentlich hoch. „Eine Lebensversicherung für den Tourismus in einer Region, in der er sonst keine große Rolle spielt“, sagt der Geschäftsführer. „Wenn die Wirtschaft Wert auf ein gutes touristisches Angebot legt, beeindruckt das auch die politischen Entscheidungsträger.“

Der Nutzen der Tourismusförderung zeigt sich auch in den Übernachtungszahlen am Wochenende. Die sind zwischenzeitlich recht erfreulich: Zu den Geschäftsreisen von Montag bis Donnerstag kommen immer mehr Kurzurlaubende, die die übrigen Tage auslasten. 

Ein bisschen ist das wie in Chemnitz: Wenn die Leute erst einmal da sind, sind sie oft sehr überrascht und kommen immer wieder zurück.

Regionaler Schulterschluss

Wie genau funktioniert die Aktion „Schellsch halt mol“ im Hochschwarzwald? Mehr dazu gibt es in einer ausführlichen Reportage.

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