Haltung mit Herz und Hirn
Es braucht Mut und Engagement, um selbstbewusst Werte und Ideen zu leben und sie im Spannungsfeld zwischen Ökonomie und Ökologie, Kultur und Bildung umzusetzen. Wir stellen fünf Menschen mit Haltung vor
© Simone StaronPatricia Alberth, Staatliche Schlösser und Gärten Baden-Württemberg
„Längst nicht mehr jeder kennt das Schloss an seinem Wohnort“
Alte Steine begleiten Patricia Alberth seit der Kindheit. „Ich bin in einer historischen Wassermühle aufgewachsen. Da lernt man, aus Steinen zu lesen, und entwickelt Freude an Langlebigem“, sagt die Herrin über 63 Monumente in Baden-Württemberg. Hier kommt die 48-Jährige her, aus Bad Mergentheim, hierher kehrte sie nach Studium in den Niederlanden und Brandenburg und Stationen bei der Unesco in Paris, Bangkok und Bamberg zurück.
2023 zog sie ins Schloss Bruchsal ein, um vor allem Jüngeren den Wert der Schlösser, Burgen, Klöster und Gärten nahezubringen. Da wird dann ein Schloss zum Escape-Room, vermitteln VR-Brillen die Abenteuer der Ahnen oder beleben 3D-Apps historische Räume. „Längst nicht mehr jeder kennt das Schloss an seinem Wohnort, die Gesellschaft wird vielschichtiger“, so Alberth. Auch die Nutzung der Monumente – die sich zur Hälfte selbst finanzieren müssen – verändert sich. Außer Bildungsbürgerinnen und -bürgern kommen Heiratende, Geburtstagskinder und Festivalfans. Gut, dass Patricia Alberth nicht nur gerne mit alten Steinen spricht, sondern auch mit Mitarbeitenden, Besucherinnen oder Netzwerkpartnern. Am liebsten über die Zukunft der Vergangenheit, um die es auch bei ihrem nächsten Projekt geht: historische Gärten im Klimawandel.
© Hotel Restaurant MaierHendrik Fennel, Seegut Zeppelin in Friedrichshafen
„Die Suche nach besonderen Produkten finde ich immer noch spannend“
Das schönste Kompliment, das Hendrik Fennel im Seegut Zeppelin gehört hat, machte ein Handwerksmeister. Der war mit Gästen da, nichts ahnend, dass hier eher Spitzkohl mit Lupinen-Humus als Rostbraten mit Spätzle serviert wird. Danach sagte er zum Hausherrn: „Hätte ich gewusst, was es gibt, wäre ich nicht gekommen. Aber jetzt, wo ich es weiß, komme ich wieder.“ Es ist kein einfacher Weg, den der 55-Jährige mit dem konsequent regionalen Qualitätskonzept gewählt hat, das in seinen Restaurants „Pinus“ und „Speiserei“ mit Arche-Produkten, Bioqualität und lokalen Akteuren umgesetzt wird. Fleisch ist nicht verpönt, aber eher nebensächlich. Seine Heimat fand der Wuppertaler am Bodensee, wo er gemeinsam mit seiner Frau Sandra Fennel inzwischen zwei Hotels führt. Seine Berufung fand er im Hotel Maier, das er von den Schwiegereltern übernahm, um es neu aufzustellen, und im Seegut Zeppelin, das er 2024 eröffnete. Neben allem, worum sich ein Hotelier kümmern muss – von KI-Einsatz bis Weinzertifikat – „finde ich die Suche nach besonderen Produkten immer noch spannend“, sagt Fennel. Schätze entdeckt er bei Hoffesten, Events oder Messen. Oder er initiiert selbst die Produktion von schwarzen Nüssen oder Streuobst-Verjus. Das zeitigt keine schnellen Erfolge. Aber nachhaltige.
© Emma BenteleStephanie Megerle, Winzerverein Hagnau
„Ich sehe den neuen Jahrgang heranwachsen und höre ihn flüstern: ‚Es geht weiter‘.“
Tourismus hat sie studiert, Weinbau gelebt – als Tochter einer Hagnauer Winzerfamilie, Weinprinzessin und Ferienjobberin im Winzerverein. „Die perfekte Kombination für meine Stelle“, findet Stephanie Megerle, Nachwuchsmanagerin beim Winzerverein Hagnau. Denn der Weinbau am Bodensee lebt mit und von den Touristinnen und Touristen. Die Tradition des Weinbaus in die Zukunft zu transportieren, ist die Aufgabe und das Herzensanliegen der 30-Jährigen. „Ich bin mit der Genossenschaftsidee aufgewachsen. Zusammen etwas erreichen, im Team, kooperativ und generationenübergreifend – so will ich arbeiten“, sagt sie. Einfach ist das nicht immer, denn für manche Social-Media-Idee oder Events wie das Weinsüden Pop-up, ein Weinbergfest mit Musik, muss sie viel Überzeugungsarbeit leisten. „Erklären, was man tut, an die Hand nehmen, mitnehmen“, heißt Megerles Rezept. Das geleitet sie durch den Tag, vom Kundenservice über Besprechungen mit Kellermeisterin, Geschäftsführer und Winzerin, Absprachen mit Dienstleistern, Filmen und Fotografieren bis hin zu geführten Weinproben und zur Gremienarbeit. Doch selbst nach zähen Terminen reicht Stephanie Megerle ein Blick auf die Reben: „Da sehe ich den neuen Jahrgang heranwachsen und höre ihn flüstern: ‚Es geht weiter‘.“
© Christian KloseChristian Skrodzki, Heimatentwickler in Oberschwaben-Allgäu
„Widerstand bringt mich in Bestform“
Unternehmer, Projektentwickler, Marketingprofi, Ehrenamtler, Firmensammler, Tausendsassa – für einen wie Christian Skrodzki reicht das Vokabular klassischer Berufsbezeichnungen nicht aus. So lang die Liste der Ideen, die der 58-jährige Leutkircher mit viel Zeit und finanziellem Aufwand verwirklicht hat, so eindeutig sein Ziel: Heimat schaffen.Zum Beispiel mit dem Leutkircher Bürgerbahnhof oder der Allgäuer Genussmanufaktur, historischen Gebäuden, die mit genossenschaftlichem Engagement saniert und neu belebt wurden. Skrodzki initiierte und gründete unermüdlich, denn „wenn man eine Passion hat, will man nicht aufhören“. Nicht einmal, wenn der Bankrott droht wie bei der Heimat Bärenweiler. In dem 1619 als Spital gegründeten Dörfchen entstehen Unterkünfte, Büros, Gastronomie und Veranstaltungsräume für Bewohner, Besucherinnen und Nachbarn. Eine Förderbank zog ihre Kreditzusage zurück und Skrodzki (er hatte natürlich schon losgelegt) stand mit unbezahlten Rechnungen da. Doch aufgeben war noch nie eine Option. „Widerstand bringt mich in Bestform“, sagt Skrodzki und gewinnt sogar der Fast-Pleite etwas Positives ab. Dass er Firmen und Immobilien verkaufen und Ämter abgeben musste, habe auch wieder mehr Leichtigkeit in sein Leben gebracht.
© Udo BernhartJulian Semet, Tourismus Dreisamtal
„Die Einheimischen sind das Rückgrat unserer touristischen Entwicklung“
Wenn Julian Semet morgens sein Rad an der Touristinfo in Kirchzarten parkt, hat er schon eine Tour durchs Dreisamtal hinter sich: Auf drei der vier Orte, die zum Revier des Tourismus-Geschäftsführers gehören, verteilen sich Wohnort, Büro, Kita und Schule der Kinder. „Unterwegs sehe ich überall Ideen für neue Projekte“, sagt er. Das ist dem 40-Jährigen, der 2021 antrat, den bis dato aus Ehrenamt und Gästeservice bestehenden Tourismus im Dreisamtal zu professionalisieren, wichtig. „Ich gestalte das Dreisamtal auch für meine Familie“, sagt der gebürtige Pfullendorfer. Nach Studium in Lörrach und Stationen in New York und Freiburg fand er im Südschwarzwald seine Heimat und wirkt hier als Destinationsmanager, der die Bevölkerung mitdenkt.
„Die Einheimischen sind das Rückgrat unserer touristischen Entwicklung.“ Ausdruck davon ist Semets erstes Projekt, die Bauernhofkonzerte, bei denen Bands auf heimischen Höfen musizieren – vor Einheimischen und Touristinnen. Oder die E-Roller-Touren, der Dreisam-Talk und demnächst die Naturangebote „#wildaufraus“: Wanderrouten, Ausflugstipps und Outdoor-Events. Semet darf alles ausprobieren – muss es aber auch selbst tun. Als Eventmanager, Gästebetreuer, Gestalter, Entscheider, Netzwerker und Gremienarbeiter in einem.



