© Francesco CiccolellaWo Wissenschaft auf Praxis trifft
Der schnelle und tiefgreifende Wandel der Welt beschert der Wissenschaft Stoff und dem Tourismus praktische Probleme. Ein Projekt in Baden-Württemberg versucht, Tourismuswirtschaft und -wissenschaft enger zu vernetzen
Quick Wins

Themen
Klimawandel, KI und Fachkräftemangel sind die großen Themen, mit denen umzugehen
die Tourismusbranche lernen muss.
Vielfalt
Tourismuswissenschaft hat politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Aspekte und trifft auf eine ebenso vielfältig aufgestellte Branche.
Netzwerk
Ein neues Projekt verknüpft Praktiker und Forschende in Baden-Württemberg, damit sie gemeinsam Lösungen erarbeiten können.
Auf den ersten Blick haben Erderwärmung, Mobilitätswende oder die steigende Lebenserwartung mit Tourismus wenig zu tun. Auf den zweiten schon, denn sie beeinflussen die Wahl von Reisezeit oder Urlaubsziel und verändern die Bedürfnisse der Gäste. „Tourismuswissenschaft ist ein Querschnittsthema, dazu gehören politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Aspekte“, sagt Professorin Conny Mayer-Bonde, Dekanin des Fachbereichs Wirtschaft an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg.
Ob Wasserstraße, Landwirtschaft, Kultur oder Arbeitsmarkt – alles hat auch Relevanz für den Tourismus. „Weil das Thema so interdisziplinär ist, ist Tourismuswissenschaft auch sehr komplex. Sie muss an ganz verschiedenen Stellen andocken“, so Mayer-Bonde.
Zumal die Tourismusbranche ihrerseits vielseitig ist. Da sind zum einen die Destinationen, zum anderen die Akteure der gesamten Wertschöpfungskette, vom Transportwesen über die Beherbergung und Verpflegung bis hin zur Freizeitinfrastruktur am Urlaubsort.
„Es gibt schon viel Forschung und viele Grundlagen, die sinnvoll und nützlich sein könnten für die Praxis, aber die Praktiker wissen das oft nicht“, fasst Professor Ralf Vogler zusammen. Man müsse komplexe wissenschaftliche Zusammenhänge so übersetzen, dass die Ableitung, was sie für die Praxis bedeuten, möglich werde, so der Vizedirektor des Instituts für Tourismus, Reisen und Gastgewerbe an der Hochschule Heilbronn.
Er nennt ein Beispiel: Ein Hotelier stellt fest, dass viele seiner Gäste statt bisher eine Woche nun nur noch vier Tage kommen. Er möchte wissen, warum und was das für ihn bedeutet. Das könne, so Vogler, an einem veränderten Reiseverhalten insgesamt liegen oder daran, dass eine neue Zugverbindung oder eine neue Autobahnabfahrt das Ziel besser erreichbar machen. Oder die Gäste folgten dem neuen Trend Radfahren im Urlaub, was per se kürzere Reisen sind. Findet die Wissenschaft heraus, was der Grund für die kürzeren Aufenthalte ist, kann der Hotelier reagieren – mit gezielten Angeboten für Radfahrer oder Kurzurlauber oder für Reisende, die mit Bus und Bahn unterwegs sind.
Professorin Mayer-Bonde hat ein anderes Beispiel: Eine Destination stellt fest, dass ihre Gäste immer älter werden, und fragt sich, wie man dem Rechnung tragen kann. „Wir beobachten, befragen und erarbeiten Szenarien an Einzelbeispielen. Wir schauen, was ältere Gäste anders machen als jüngere, aber auch, wie ein Gast mit Rollator auf dem örtlichen Bahnsteig zurechtkommt“, so Mayer-Bonde. Die Forschungsergebnisse werden dann aufbereitet, evaluiert, vorgestellt und diskutiert.
Keine Zeit zum Studienlesen
Die Fragen aus der Praxis in die Wissenschaft tragen und die Erkenntnisse der Forschenden in die touristische Realität, das ist Ziel des neuen Projekts „Netzwerk Zukunft Tourismus Baden-Württemberg“ (NZT) unter dem Dach der Tourismus Marketing GmbH Baden-Württemberg (TMBW). „Wir wollen Brücken bauen zwischen Wissenschaft und Praxis. Es gibt Forschungsbedarf für viele unbeantwortete Fragen in der Praxis und es gibt auf Seiten der Forschung Erkenntnisse, die noch nicht in der Praxis angekommen sind“, sagt Eleonora Steenken, Leiterin Marketing, Innovation, Strategie bei der TMBW. Eine wichtige Aufgabe des NZT werde sein, sich einen Überblick zu verschaffen, an welchen Themen die Wissenschaft in Baden-Württemberg und der ganzen Welt forscht. Denn manches komme gar nicht in der Praxis an oder in der falschen Form. Und nicht jeder Tourismusschaffende habe die Zeit, sich in Studien einzuarbeiten. „Er oder sie will wissen: Was bedeutet das konkret für mich?“, so Steenken.
Bei der Vernetzung mit der Wissenschaft geht es nicht um Themen aus dem Elfenbeinturm, sondern um konkrete Fragen aus der Praxis.
Obwohl das NZT ein Angebot von Akteuren im Land für Akteure im Land ist: Sowohl der Tourismus als auch die Forschung dazu sind international aufgestellt. Geopolitische Entwicklungen machen nicht an Grenzen Halt und haben auch Einfluss auf den Tourismus. So spürt man in den Alpen den Wegfall der russischen Gäste. Dafür verzeichnet die Schweiz einen Anstieg indischer Urlauberinnen und Urlauber, denn in dem asiatischen Land wächst die Zahl derer, die reisen wollen und können.
Oder die Sache mit der Erderwärmung: Inzwischen beginnen die Menschen in Südeuropa, im Sommer eine Abkühlung zu suchen – das könnte eine Chance für die Schwäbische Alb oder den Schwarzwald sein. Doch nur, wenn sie darauf vorbereitet sind. „Der Klimawandel ist vermutlich das Thema, das die größten Umbrüche bringen wird. Wir spüren es alle schon ein bisschen, doch in 25 Jahren wird Urlaub massiv verändert sein, weil viele Gebiete nicht mehr lebenswert sind. Wo es nicht mehr lebenswert ist, will auch keiner Urlaub machen“, prophezeit Professor Vogler. Ob und in welcher Form es den Tourismus noch gibt in 25 Jahren, sei fraglich. „Sicher dagegen ist, dass es gut wäre, sich auf die Veränderungen vorzubereiten.“
Für die aktuell drängendsten Themen im Land hält Vogler den Fachkräftemangel und die wirtschaftliche Lage. „Wenn ich mir nicht sicher bin, ob ich in einem halben Jahr noch einen Job habe, buche ich nicht so langfristig einen Urlaub.“ Und wer als Familie mehr ausgeben muss für den Sommerurlaub am Meer, verkürze dafür vielleicht den Osterurlaub im Schwarzwald. Ganz verzichten, das sagen die Statistiken klar, will bisher niemand – der Urlaub bleibt den deutschen Reiseweltmeistern heilig.
Strukturen infrage stellen
Beim Fachkräftemangel hat Baden-Württemberg nach der Beobachtung von Vogler ein besonderes Problem: die Nähe zur Schweiz. Die zahle deutlich besser und internationale Fachkräfte schauen im Zweifel nicht als Erstes darauf, ob sie am Matterhorn oder am Feldberg arbeiten. Doch hier könne die Wissenschaft oft helfen: indem man untersucht, ob sich der unterbesetzte Service besser organisieren lässt mit den vorhandenen Kräften. Indem ineffiziente Strukturen identifiziert und verbessert werden. Indem Verwaltungsprozesse durchleuchtet werden. „Oft verwalten sich die Leute zu Tode, da kann man durch Umorganisation Freiräume für den Service schaffen“, weiß Vogler. Dazu kommen hilfreiche Technologien von Serviceroboter bis KI-Buchungssystem. Oder das Heben von Arbeitsmarktpotenzialen. „Wenn jemand aufgrund von Einschränkungen keine fünf Tage in Acht-Stunden-Schichten arbeiten kann, arbeitet er vielleicht nur sechs Stunden oder nur drei Tage“, wirbt Vogler. Hier könne die Wissenschaft helfen, mit Denkoffenheit und ohne Berührungsängste grundsätzliche Strukturen infrage zu stellen.
Grundsätzliches erhofft sich auch Professorin Conny Mayer-Bonde vom Projekt NZT. „Wenn wir mehr und besser vernetzte Tourismusforschung in Baden-Württemberg haben, können wir die Querschnittsthematik besser bedienen und in größerem Rahmen forschen“, sagt sie. Das sei vor allem bei den großen touristischen Themen wie Klimawandel, Mobilitätswende, Veränderung des Reiseverhaltens, KI und Digitalisierung wichtig, um den daraus resultierenden Veränderungsbedarf für die Praxis zu erarbeiten.
Auch in anderen Bundesländern bemüht man sich um Vernetzung. So hat sich das 2019 gegründete Bayerische Zentrum für Tourismus die Förderung der Tourismusforschung und die Intensivierung des Austauschs zwischen Forschung, Wirtschaft und Politik im Bayern-Tourismus auf die Fahne geschrieben. In der bisherigen Projektlaufzeit, die jüngst um weitere fünf Jahre verlängert wurde, förderte der Freistaat das Zentrum mit rund 5,5 Millionen Euro, die in zahlreiche Forschungsprojekte und Konzepte für die Zukunft des Tourismus flossen. Vor allem die Szenarien für den Wintertourismus 2050 fanden große Beachtung, denn sie gelten als maßgeblich für die Destinationen, um Strategien für den Klimawandel zu entwickeln.
Forschen im Kletterwald
Wissenschaft und Praxis zusammenzuführen, braucht Zeit und funktionierende Formate für Begegnungen, denn hier treffen zwei Welten aufeinander.
„Wissenschaft und Praxis zusammenzuführen, braucht Zeit und funktionierende Formate für Begegnungen, denn hier treffen zwei Welten aufeinander“, heißt das Fazit von Professor Andreas Zimmer, der in Brandenburg für das Clustermanagement Tourismus verantwortlich zeichnet. Es entstand 2012 als eines von mehreren Clustern im Rahmen der Regionalen Innovationsstrategie des Landes Brandenburg. Hilfreich ist nach Zimmers Beobachtung, wenn niederschwellige Fördermöglichkeiten zur Verfügung stehen. So funktionierten vor allem Regionalentwicklungsprojekte gut, wie die Optimierung der Energieversorgung von Freizeitparks oder der Entwurf von Tiny Houses für die Gästebeherbergung. Umgekehrt profitiert die Wissenschaft von den Praxiskontakten: Das Geoforschungsinstitut Potsdam wollte die wegen Trockenheit brechenden Bäume untersuchen und ein Frühwarnsystem für Astbruch entwickeln. Mit der Preußischen Schlösserstiftung und einem Kletterwald fanden sich gleich zwei touristische Unternehmen, die einen Wald als Versuchsfeld anbieten konnten und großes Interesse am Thema hatten, macht es doch auch ihre Anlagen sicherer.
Gut zu Wissen
Ein Netz für die Zukunft des Tourismus
Das große Ziel
Das Netzwerk Zukunft Tourismus (NZT) will nicht weniger, als die Wettbewerbsfähigkeit des Urlaubslandes Baden-Württemberg zu sichern und die Tourismusbranche zukunftsfähig zu machen. Das soll durch eine bessere Vernetzung von Tourismuswissenschaft und -wirtschaft gelingen, bei der die Forschung die nötigen Impulse liefert, um in der Praxis die richtigen Weichen zu stellen.
„Natürlich geht es auch um die großen Themen und Trends wie KI, Klimawandel oder Personalmangel. Aber nicht im Elfenbeinturm der Wissenschaft und um des Forschens willen, sondern immer mit dem Anspruch, damit konkrete Antworten auf real existierende Fragen aus der Praxis zu geben“, beschreibt Eleonora Steenken, die Projektverantwortliche bei der TMBW, die Zielsetzung.
Die ersten Schritte
Die beiden Welten miteinander zu verknüpfen, ist Aufgabe eines dreiköpfigen Teams, das zum Jahresbeginn 2026 seine Arbeit unter dem Dach der TMBW aufnimmt. Umgesetzt wird das Projekt mit den touristischen Hochschulen in Baden-Württemberg, die Finanzierung kommt vom Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Tourismus. Das Team aus zwei Referentinnen und einer Assistenz soll sich mit den Partnern in Wissenschaft und Praxis rückkoppeln, ein Netzwerk aufbauen und Pläne für erste Maßnahmen entwerfen. Vorhandene Netzwerke und Strategien der TMBW sollen dabei genutzt und, wo nötig, ergänzt oder erweitert werden.
Der Weg zum Erfolg
In der dreijährigen Laufzeit soll das Projekt ein tragfähiges Netzwerk aus touristischer Praxis und anwendungsorientierter Tourismuswissenschaft spinnen und sich als zentrale Anlaufstelle für alle Beteiligten etablieren. Neben dem Wissenstransfer und der praxisorientierten Kommunikation von Forschungsergebnissen steht die Entwicklung neuer Veranstaltungs- und Vernetzungsformate im Mittelpunkt.
Aufgabe der Wissenschaftsreferentin wird sein, wissenschaftliche Erkenntnisse für die Praxis zu übersetzen, aber auch, Forschungsfragen zu formulieren. Welche konkreten Fragen in der Praxis unbeantwortet sind, soll die Stakeholder-Referentin zusammentragen. Sie wird in die Branche hineinhören, welches die relevanten Themen sind und was den Tourismusschaffenden auf der Seele brennt.
Sobald das Projektteam seine Arbeit aufgenommen hat, werden aktuelle Informationen und Initiativen des NZT laufend im Tourismusnetzwerk Baden-Württemberg kommuniziert.