Nachhaltigkeit

Tourismus für die Zukunft

Was ist nachhaltiger, zukunftsfähiger Tourismus? Und wie kann das in der Praxis aussehen? Im Rahmen einer B2B-Content-Produktion stellt die TMBW sieben Leuchtturmprojekte vor, die für das Thema sensibilisieren und zum Nachahmen motivieren sollen

Quick Wins

Ein Muss für die Zukunft
Nachhaltige Entwicklung ist nicht nur eine ökologische, sondern auch eine wirtschaftliche und gesellschaftliche Notwendigkeit.

Green Deal
Die EU will bis 2050 klimaneutral werden. Der „Green Deal“ betrifft alle Wirtschaftssektoren, einschließlich Tourismus.

Vorsicht!
Neue EU-Regeln ab 2026 legen fest, wie Nachhaltigkeit künftig kommuniziert werden muss.

Die meisten Menschen, die zum ersten Mal im Hotel Anne-Sophie in Künzelsau zu Gast sind, sind erst mal eins: erstaunt. Denn von den 100 Menschen, die hier arbeiten, haben rund 25 Prozent körperliche oder geistige Beeinträchtigungen. Die Begegnung mit Personen, die ein Handicap haben, ist für viele Menschen ohne Handicap selten geworden. Und genau das möchte man hier ändern.

„Wir glauben an den Menschen, und dass jeder etwas kann“, ist der Leitgedanke des inklusiven Hauses im Hohenlohekreis – und der wird in allen Bereichen konsequent umgesetzt: im Service, im Housekeeping oder auch am Empfang. Portier Leo zum Beispiel war bereits in einer SWR-Reportage über das Hotel zu sehen und ist seitdem nicht nur Profi vor der Kamera, sondern auch ein lokaler Promi.

© TMBW / Gert Krautbauer
Lokale Wirtschaft: Die Brauerei Härle in Leutkirch gilt als Vorreiter in Sachen Regionalität und Nachhaltigkeit
© TMBW / Gert Krautbauer
Forschung, Trends und Innovation: Das Fraunhofer-Institut IAO in Stuttgart arbeitet u. a. an Echtzeit-Visualisierung
© TMBW / Gert Krautbauer
Netzwerkarbeit: Gemeinsam entwickeln die Kultureinrichtungen in Karlsruhe das Thema Barrierefreiheit weiter
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Soziale Nachhaltigkeit: Das inklusive Hotel Anne-Sophie in Künzelsau setzt dieses Handlungsfeld bereits hervorragend um
© TMBW / Gert Krautbauer
Außenkommunikation und Bewusstseinsbildung: Das Bildungsprojekt „Überlinger Weltacker“ am Bodensee ist Teil einer beispielhaften Kommunikationskampagne
© Steffen Steinhäußer
Nachhaltige Mobilität und Infrastruktur: Münsingen auf der Schwäbischen Alb geht mit gutem Beispiel voran
© TMBW / Gert Krautbauer
Klima- und Umweltschutz: Der Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald startete 2023 ein Pilotprojekt zur Klimaanpassung. Nicht nur im Weinbau ein wichtiges Thema

Mit gutem Beispiel voran

Das Hotel Anne-Sophie ist Teil der B2B-Content-Produktion, mit der die Tourismus Marketing GmbH Baden-Württemberg (TMBW) das Thema Nachhaltigkeit und zukunftsfähiger Tourismus innerhalb der Branche kommunizieren möchte. „Das Hotel war eines der Beispiele, die mich emotional am meisten inspiriert haben“, erzählt Projektleiter Dr. Tim Fichter. „Ich bin da weggefahren und dachte, wow, es gibt bereits so tolle Ansätze!“ 

Im Laufe des Sommers war ein Produktionsteam im Land unterwegs, um Good-Practice-Beispiele zu dokumentieren: Projekte, die bereits Antworten auf drängende Fragen gefunden haben, die zum Nachahmen oder zur Diskussion anregen sollen. Es geht um nachhaltige Transformation, um Entwicklungen, auf die auch der Tourismussektor reagieren muss, um sich resilient für die Zukunft aufzustellen.

Nachhaltige Entwicklung bedeutet mehr als der Umweltgedanke. Es geht immer auch um soziale und wirtschaftliche Faktoren.

Dr. Tim Fichter, Projektmanager für Qualität und Nachhaltigkeit TMBW

Sieben Handlungsfelder

„Viele Regionen und Betriebe engagieren sich seit Jahren in diesem Bereich. Es gab deshalb den Wunsch, auf Landesebene ein koordiniertes Vorgehen zu gestalten, einen klaren Orientierungsrahmen und praktische Unterstützung zu schaffen“, erklärt Fichter. Der Content-Produktion liegen Handlungsfelder zugrunde, die von einem 2023 gegründeten Nachhaltigkeitsrat entwickelt wurden. Rund 25 Mitglieder aus Verbänden, Destinationen, Organisationen und Ministerien haben darin eine Vision für Baden-Württemberg erarbeitet und sieben Handlungsfelder definiert. In Diskussionsrunden und Workshops wurde damit ein gemeinsamer Konsens hergestellt. „Gerade die aktuellen Herausforderungen – vom Fachkräftemangel bis zum bewussten Umgang mit Ressourcen – liefern Impulse, neue Lösungen zu entwickeln, Bestehendes zu hinterfragen und innovative Ansätze zu erproben“, fasst TMBW-Geschäftsführerin Christine Schönhuber das Anliegen zusammen. Der neu produzierte B2B-Content richtet sich an die Tourismusbranche und ihre Anspruchsgruppen, insbesondere an Destinationen, Verbände, Kommunen, an die Politik sowie weitere Beteiligte im Destinationsmanagement und Lebensraum.

Ein Ziel der Content-Produktion ist es, die Inhalte praxisnah in die Branche zu bringen. „Jedes Handlungsfeld und jede Region sollte mit einem Beispiel vertreten sein, die Projekte gleichzeitig auch eine gewisse Relevanz haben“, erklärt Dr. Tim Fichter seine Auswahl. Mit dem Hotel Anne-Sophie wurde ein mehrfach ausgezeichnetes Projekt gefunden, das das Handlungsfeld „Soziale Nachhaltigkeit“ hervorragend umsetzt. Künzelsau war der erste von sieben Produktionsorten, die das Team zwischen Juli und September besuchte. 

© TMBW / Gert Krautbauer
Die Integration von Forschung und Innovationen gehört mit zum Aufgabenbereich eines zukunftsfähigen Tourismus

Good-Practice-Beispiele  

Im Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald wurde mit der Klimaanpassungsstrategie ein hochaktuelles Thema ausgewählt, das viele Tourismusdestinationen bereits jetzt und in Zukunft zunehmend beschäftigen wird: der Umgang mit dem Klimawandel und seinen Folgen („Klima- und Umweltschutz im Tourismus“). In Leutkirch stand die Brauerei Härle im Fokus („Nachhaltige Angebote und Wertschöpfung der lokalen Wirtschaft“). Das Familienunternehmen gilt seit vielen Jahren als Vorreiter in Sachen Regionalität und Nachhaltigkeit. Die Anreise nach Münsingen auf der Schwäbischen Alb war quasi schon Teil des Themas beim Handlungsfeld „Nachhaltige Mobilität & Infrastruktur“. Was an diesem Beispiel auch gezeigt wird: „Urlaub ist ein gutes Setting, um Verhaltensweisen zu ändern“, betont Fichter. „Man merkt, wie entspannt es sein kann, einfach den Bus zu nehmen, statt lange einen Parkplatz zu suchen.“ 

Um „Nachhaltigkeitsfördernde Strukturen, Netzwerke und Kommunikation“ ging es in Karlsruhe: Hier treffen sich seit 2022 Vertreterinnen und Vertreter der verschiedenen Kultureinrichtungen, um sich im Netzwerk „Kultur Barrierefrei“ über barrierefreie und inklusive Vermittlungsarbeit auszutauschen. In Stuttgart forscht das Fraunhofer-Institut an innovativen Konzepten für die Hotelbranche. Im Rahmen des Innovationsnetzwerks „FutureHotel“ werden zum Beispiel digitale Lösungen entwickelt, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken („Integration von Forschung, Trends und Innovation“).

„Gute Antworten, warum wir Nachhaltigkeit überhaupt kommunizieren wollen“, so Fichter, habe er während der Content-Produktion am Bodensee gehört: Dort verknüpfen die fünf neuen „Biohof-Genuss-Radtouren“ nachhaltige Angebote in der Region, um Reisende für die Thematik zu sensibilisieren. Eine Station des Outdoor-Drehtages war beispielsweise das Bildungsprojekt „Überlinger Weltacker“, das das komplexe Thema Welternährung anschaulich darstellt.  

Beim großen Handlungsfeld „Außenkommunikation und Bewusstseinsbildung“ gebe es jedoch auch eine gefährliche Fallgrube, warnt Fichter. Denn 2026 treten neue EU-Richtlinien in Kraft. Begriffe wie „grün“ oder „nachhaltig“ dürfen künftig nur noch verwendet werden, wenn ihre Bedeutung für Verbraucherinnen und Verbraucher eindeutig nachvollziehbar ist. Wer sich nicht daran hält, der riskiert empfindliche Strafen.

Gut zu Wissen

Neue EU-Regeln für nachhaltigen Tourismus ab 2026
Im kommenden Jahr treten in der EU neue Vorgaben für Nachhaltigkeit und Verbraucherschutz in Kraft. Die EmpCo-Richtlinie („Empowering Consumers for the Green Transition“) baut auf den bestehenden Richtlinien über unlautere Geschäftspraktiken auf, soll Verbraucherinnen und Verbraucher besser vor irreführenden Umweltversprechen schützen und unterstützt damit das langfristige Ziel, bis 2050 Klimaneutralität zu erreichen (EU Green Deal).
Das bedeutet: Tourismusbetriebe müssen ihre Werbung und Kommunikation anpassen. Begriffe wie „klimaneutral“, „umweltfreundlich“ oder „grün“ dürfen nur verwendet werden, wenn sie belegbar und transparent sind. Umweltlabels dürfen künftig nur verwendet werden, wenn sie auf einem anerkannten und überprüfbaren Zertifizierungssystem beruhen.
Wer gegen die Regeln verstößt, riskiert Bußgelder und Vertrauensverlust. In naher Zukunft soll darauf die sogenannte Green Claims Directive folgen, deren Einführung bis 2028 geplant ist. Sie legt im Detail fest, unter welchen Voraussetzungen Nachhaltigkeitsaussagen zulässig sind und wie diese wissenschaftlich überprüft werden müssen, und sie müssen voraussichtlich vor ihrer Verwendung von einer benannten Stelle verifiziert werden.
Die Botschaft ist klar: Nachhaltigkeit ist kein Zusatz mehr, sondern Voraussetzung für wirtschaftlichen Erfolg. Wer glaubwürdig kommuniziert und Verantwortung übernimmt, stärkt das Vertrauen seiner Gäste – und sichert die Zukunft des Tourismus.

Die Reportagen, Fotos und Videos zu allen sieben Handlungsfeldern gibt es im Tourismusnetzwerk Baden-Württemberg.
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