Interview mit Soziologie-Professor Christian Stegbauer

„Den eigenen Kreis auch mal verlassen“

Ein Spezialgebiet des Frankfurter Soziologie-Professors Christian Stegbauer ist die Netzwerkforschung. Er analysiert menschliche Beziehungsmuster und ihre Wirkungen – im privaten wie im beruflichen Bereich 

Warum brauchen wir Menschen eigentlich Netzwerke?

Als soziale Wesen sind wir auf Beziehungen angewiesen, ohne Beziehungen könnten wir nicht überleben. 

Ein Netzwerk fängt also mit einer Beziehung an?

Jein. Für uns Netzwerkforscher wird es erst ab der dritten Person interessant. Erst dann entsteht eine Dynamik, erst dann spielt die Struktur eine Rolle. Wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte und so weiter. Mit zunehmender Gruppengröße nimmt das dann immer neue Formen an.

Was erforscht dann ein Netzwerkforscher?

Wir schauen einerseits auf die Muster des menschlichen Zusammenlebens, die Interaktion in den Gruppen, andererseits aber auch auf das, was im Hintergrund abläuft, die unsichtbaren und unmerklichen Einflussfaktoren durch Beziehungen hinter dem Rücken der Einzelnen.

Machen Sie mal ein Beispiel.

Nehmen wir die Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau im Haushalt. Da hat man in den 1950er-Jahren he-rausgefunden, dass die vom Freundeskreis abhängig ist. Wenn beide denselben Freundeskreis hatten, war die Arbeitsteilung an den Normen der damaligen Zeit orientiert. Die Ehepartner dachten, dass sie das unter sich geregelt hätten, aber tatsächlich wirkte der Freundeskreis in die Beziehung hinein. 

Was unterscheidet private und berufliche Netzwerke voneinander?

Im Privaten spielt eher Sympathie eine Rolle. Da sucht man sich vornehmlich die Menschen aus, mit denen man viele Ähnlichkeiten hat. Im Beruf kommen dann auch strategische Überlegungen dazu: Was nützt mir und was nicht?

Was ist denn beruflich betrachtet ein nützliches Netzwerk, was ein nutzloses?

Wenn man sich immer nur mit denselben Leuten trifft, dann gewinnt man keine neuen Informationen. Jeder weiß alles vom anderen, da passiert nichts. Also muss man den eigenen Kreis auch mal verlassen, wenn man Neues erfahren will.

Wie funktioniert das? 

Es geht darum, strukturelle Löcher zu überbrücken. Das sind die Leerräume zwischen Abteilungen oder Gruppen, die nie etwas miteinander zu tun haben. Besonders günstig ist es also, wenn man sich zwischen diesen Gruppen in die Mitte setzt, als Makler sozusagen. Man kann von anderen lernen, wie sie Probleme lösen, und das dann auf die eigene Gruppe übertragen. Es gibt allerdings ein Problem bei dieser Methode.

Das wäre?

Wenn die anderen merken, dass man nur von deren Wissen profitieren möchte, werden sie skeptisch. Das kann auf Ablehnung stoßen. 

Was wäre eine bessere Strategie?

Die Mitgliedschaft in unterschiedlichen Organisationen ist eine Möglichkeit. Man wandert also nicht nur hin und her, sondern gehört dazu, dann genießt man höheres Vertrauen. Die Bildung diverser Teams mit Menschen unterschiedlicher Herkunft und unterschiedlichen Alters ist ein weiterer Ansatz. Jeder trägt sein Wissen aus seinem sozialen Kreis ins Team hinein, das kann sehr förderlich für die Kreativität sein.

Also geht es darum, möglichst diverse Teams zu bilden?

Es hat Vor- und Nachteile. Wenn sich alle sehr ähnlich sind, läuft es oft besser. Man versteht sich blind. In diversen Teams kann der Abstimmungsaufwand höher sein. Was für die Kreativität gut ist, kann für den Arbeitsablauf schwieriger werden.

Sie unterscheiden in Ihren Publikationen zwischen starken und schwachen Beziehungen. Sind beide wichtig oder geht es nur um starke Beziehungen?

Beide sind wichtig. Ohne starke Beziehungen zu Freunden und in der Familie können wir nicht überleben. Schwache Beziehungen haben aber als Informationsbeziehungen eine große Bedeutung. Es gibt Untersuchungen, die belegen, dass bei der Jobsuche schwache Beziehungen eine viel größere Rolle spielen: Kollegen, Bekannte, Leute, die man nur sporadisch trifft. Wir haben einfach viel mehr schwache als starke Beziehungen, sie reichen weiter. Ein nicht zu unterschätzendes Netzwerk, das man als solches oft nicht wahrnimmt.

Man orientiert sich also oft an Leuten, die man gar nicht wirklich kennt?

Richtig. Das können sie auch in touristischen Situationen beobachten. Wenn Menschen nach Pisa fahren, sehen sie, wie andere die Turmhalte-Position einnehmen und sich fotografieren lassen. Das machen sie dann einfach nach.

Beeinflussen Netzwerke auch Reiseentscheidungen?

Durchaus. Wir haben einmal Studierende gefragt, wo sie überall schon waren. Da stellte sich heraus, dass nur eine Person von 25 noch nie außerhalb von Europa war. Die wurde dann bedauert, so was erzeugt sozialen Druck. Mit der Fridays-for-Future-Bewegung war es dann genau umgekehrt.

Wie haben sich Netzwerke im Laufe der Geschichte verändert?

Grob gesprochen hat man früher in einem Dorf mit denselben Menschen gearbeitet, mit denen man auch seine Freizeit verbracht hat. Mit der Moderne wurden Arbeit und Freizeit getrennt und seither befindet man sich in mehr als nur einem sozialen Kreis. Letztlich ist das die Wurzel unserer Individualität: Es gibt keine zwei Personen mehr, die in denselben Kreisen verkehren. 

Welchen Einfluss hat denn die Digitalisierung auf Netzwerke?

Zunächst spiegeln digitale Beziehungen oft auch die Beziehungen der nicht digitalen Welt wider. Die Leute, die auf Facebook miteinander kommunizieren, kennen sich sehr oft. Aber es gibt immer häufiger auch Beziehungen, die digital angebahnt werden. Viele Menschen orientieren sich an dem, was sie online erleben: Das kann man am Verlauf von Shitstorms ablesen.

Funktionieren Netzwerke auch, wenn man sich nur noch digital trifft?

Die Informalität leidet. Den Austausch in der Kaffeepause gibt es nicht. Die Bedeutung der unbeabsichtigten, beiläufig geführten Gespräche ist nicht zu unterschätzen. Wenn man alles nur ins Digitale verlagert, stehen uns viele Kommunikationskanäle nicht mehr zur Verfügung. Man riecht den anderen nicht mehr, sieht nicht, ob er einem in die Augen schaut. In großen Runden mit abgeschalteter Kamera und stummen Mikrofonen weiß man oft nicht, ob der andere noch da ist.

Letztlich haben wir alle nur begrenzte Zeit und Energie. Mit wie vielen Menschen kann man eigentlich Kontakt halten?

Das ist schwer zu beziffern. Es gibt Untersuchungen, die sagen, dass man 1.000 Leute kennen und mit etwa 150 Kontakt halten kann. Das sind Erkenntnisse aus der Hirnforschung, die soziologisch nicht wirklich belegt sind. Es weist aber darauf hin, dass es Kapazitätsgrenzen gibt. Wer sich Netzwerke aufbaut, muss eben auch darauf achten, dass er sich nicht verzettelt.

Mehr Informationen zur Person

Die Deutsche Gesellschaft für Netzwerkforschung ist selbst ein Netzwerk aus Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen, die zu diesem Thema forschen. Christian Stegbauer war bis zum Herbst 2025 ihr Vorsitzender.
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