© Francesco Ciccolella

Das Kirchturmdenken überwinden

Viele Strukturen im Tourismus sind kleinteilig und an Kreisgrenzen gebunden. Mit überregionalen Kooperationen versucht man, dem zu begegnen, wie zahlreiche aktuelle Beispiele aus Baden-Württemberg zeigen

Quick Wins

Vorsichtige Annäherung
Ohne Diplomatie und Überzeugungskraft funktioniert überregionale Zusammenarbeit nicht.

Tourismus- statt Kirchturmpolitik
Landkreisgrenzen sollen zumindest für Urlaubsgäste nicht mehr sichtbar sein.

Social Media bis Fotoshooting
Überregionale Kooperationen bieten eine Reihe von Chancen zur Professionalisierung.

Was hatte es nicht alles für Versuche gegeben, den Norden Baden-Württembergs touristisch zusammenzuführen. Doch über lose Verbünde, sporadische Aktionen und Begriffe wie Neckarland-Schwaben, hinter denen sich nicht wirklich eine Organisation befand, kam man lange nicht hinaus. 

Das ist jetzt anders: Am 1. Juli 2024 wurde eine GmbH gegründet, unter deren Dach gleich sechs Tourismusgemeinschaften sowie ein Landkreis vereint sind: der Odenwald, das Heilbronner Land, Kraichgau-Stromberg, Hohenlohe, Hohenlohe-Schwäbisch Hall, das Liebliche Taubertal und der Rhein-Neckar-Kreis.

Gebündelt wird dadurch eine Region mit rund 8,5 Millionen Übernachtungen, die sich bisher vor allem durch ihre Kleinteiligkeit auszeichnete. Zusammengerechnet jedoch übertrifft sie sogar die Übernachtungszahlen der Schwäbischen Alb (6 Millionen) und gehört zu den touristischen Großakteuren im Land.

Agentur hilft bei neuem Claim

„Der Norden wird nun endlich ernst genommen“, sagt Bernhard Mosandl, Geschäftsführer der neuen Dachorganisation. Die trägt den Kunstnamen Tourimia Tourismus GmbH (TTG), doch das ist nur ein Begriff für die Struktur im Innern, wie Bernhard Mosandl beschwichtigt.

Nach außen tritt man ganz anders auf. Zusammen mit einer Agentur wurde der Claim „Im Süden ganz oben“ ersonnen, eine bewusste Anlehnung an die landesweite Dachmarke „Wir sind Süden“. Damit geht die Tourimia Tourismus GmbH nun auf Messen und den Social-Media-Kanälen in die Werbung. Auch die Website für Urlaubsgäste heißt so.

Bernhard Mosandl ist ein Touristiker mit viel Berufserfahrung. Er war Geschäftsführer in Bad Neustadt in der Rhön, in Bad Säckingen am Rhein und in Bodenmais im Bayerischen Wald. Die Gründung von Kooperationen gehört zu seinen Spezialgebieten, unter anderem war er an dem Zusammenschluss Ferienwelt Südschwarzwald beteiligt. 

Ein Mann, der auch auf dem politischen Parkett Erfahrung mitbringt und in Neustadt an der Saale nicht nur Kurdirektor, sondern auch Kreis- und Stadtrat war.

Diplomatie und Überzeugungskraft sind mindestens so wichtig wie die inhaltliche Arbeit. Sie müssen wissen, wie man mit Menschen umgeht.

Bernhard Mosandl, Geschäftsführer Tourimia Tourismus GmbH

Menschen gibt es bei sieben Kooperationspartnern im Norden reichlich. Da wären die Landräte auf der politischen Ebene und die Geschäftsführerinnen auf der touristischen Seite. „Das sind alles Leute, die bisher eigenständig gearbeitet haben. Die muss man erst einmal davon überzeugen, dass es zusammen besser und effektiver läuft“, sagt der Touristiker.

Leichterer Zugang zu Fördergeldern

Das Besondere an der Tourimia Tourismus GmbH ist, dass unter ihrem Dach sämtliche Strukturen erhalten bleiben. Die Tourismusgemeinschaften werden nicht aufgelöst, sondern geben nur Aufgaben ab: gemeinsames Marketing, Bespielung der Online-Kanäle, Auftritte bei Messen, Fotoshootings und nicht zuletzt die Akquise von Fördergeldern. Hier gibt es seit Langem Forderungen aus der Politik, größere touristische Einheiten zu bilden, die auch handlungsfähig sind. 

Das sieht auch Christine Schönhuber, die Geschäftsführerin der Tourismus Marketing GmbH Baden-Württemberg (TMBW), so: „Es gibt zu viele ineffiziente Parallelstrukturen im Deutschlandtourismus, eine bessere und effektivere Vernetzung ist überfällig.“

Da passt es ganz gut, dass sich auch unterhalb der Tourimia Tourismus GmbH etwas getan hat. Fast zeitgleich haben die beiden Hohenlohes eine Kooperation begründet. Für Urlaubsgäste war es schon immer ziemlich verwirrend: Da gibt es eine Touristikgemeinschaft Hohenlohe e. V. und einen Verein, der sich Hohenlohe und Schwäbisch-Hall Tourismus nennt. Beide unterhielten eigene Websites, eigene Printprodukte und Auskunftstelefone.

Das gehört nun der Vergangenheit an. Nach außen treten die beiden Touristikgemeinschaften als eine Einheit auf. Es gibt nur noch eine Internetseite (hohenlohe.de), eine E-Mail-Adresse und sogar eine zentrale Hotline. Auch auf Social Media ist man gemeinsam unterwegs, außerdem werden derzeit die Druck-Erzeugnisse vereinheitlicht.

Gut zu Wissen

Tourismus-Organisation in Baden-Württemberg
Die touristische Organisation im heutigen Baden-Württemberg begann 1906 mit der Gründung des „Badischen Landesverbandes zur Hebung des Fremdenverkehrs“. Ihm folgte 1908 die „Württembergisch-Hohenzollerische Vereinigung für Fremdenverkehr“. Die Gründung des Bundeslandes Baden-Württemberg hatte verbandstechnisch zunächst noch keine Auswirkungen. Es gab zwar ab 1954 eine Arbeitsgemeinschaft der Fremdenverkehrsverbände, aber es sollte noch bis 1970 dauern, ehe ein Landesfremdenverkehrsverband (LFV) gegründet wurde – der Vorläufer des heutigen Tourismus-Verbands Baden-Württemberg (TVBW) und der 1992 gegründeten Tourismus Marketing GmbH Baden-Württemberg (TMBW).
Das verlief nicht ganz konfliktfrei. Denn der Plan war zunächst, die Regionalverbände aufzulösen, was auf heftigen Widerstand vor allem im mächtigen Fremdenverkehrsverband Schwarzwald stieß. Es kam schließlich zu einem Kompromiss: Der LFV bekam zentrale Aufgaben zugesprochen, aber der Schwarzwald und die anderen Regionalverbände bestanden als lokale Organisationen eigenständig weiter – eine Struktur, die im Wesentlichen bis zum heutigen Tag Bestand hat.
Die größten touristischen Verbände unterhalb der Landesebene sind dabei die Schwarzwald Tourismus GmbH, der Schwäbische Alb Tourismusverband, die Deutsche Bodensee Tourismus GmbH, die Oberschwaben Tourismus GmbH, die Regio Stuttgart Marketing- und Tourismus GmbH und die großen kreisfreien Städte wie Heidelberg, Ulm oder Freiburg. Die neue Dachorganisation Tourimia Tourismus GmbH im Norden von Baden-Württemberg fasst sieben kleine Destinationen zusammen, die bis 1999 unter dem Titel Neckarland-Schwaben einen losen Verbund gebildet hatten.

Fusion statt Kooperation

„Die Landkreisgrenzen sollen für den Gast nicht sichtbar sein“, sagen Geschäftsführerin Sarah Schmidt (TG Hohenlohe) und Geschäftsführer David Schneider (Hohenlohe-Schwäbisch Hall). Hinter den Kulissen bleiben sie freilich bestehen: Die Kooperation der beiden Hohenlohes erfolgt ohne die Neugründung einer Organisation. „Wir sind täglich im Austausch“, sagen sie, „aber es gibt kein gemeinsames Büro und keine GmbH.“

Das stellt sich im Falle der Tourismus GmbH Nördlicher Schwarzwald und der Tourismusgemeinschaft „Albtal Plus“ mit Sitz in Ettlingen ganz anders dar. Hier wird nicht nur eine inhaltliche Kooperation angestrebt, sondern auch eine strukturelle Verschmelzung: „Eine gemeinsame Organisation ist das Ziel“, sagt René Skiba, Geschäftsführer der GmbH im nördlichen Schwarzwald, deren Träger der Landkreis Calw ist.

Hinter der Tourismusgemeinschaft „Albtal Plus“, die auf Vereinsebene organisiert ist, steht kein ganzer Landkreis. Sie ist ein Zusammenschluss von acht Kommunen zwischen Ettlingen und Bad Herrenalb, von denen einige sogar im Kreis Calw liegen. Als Bad Herrenalb seine Doppelmitgliedschaft beenden wollte und seinen Austritt aus „Albtal Plus“ verkündete, war dies das Signal, die Strukturen zu überdenken. Inzwischen gibt es eine Projektgruppe, die die Möglichkeiten einer Kooperation und Fusion auslotet. Die Gremien dahinter haben ihre grundsätzliche Bereitschaft schon bekundet: „Der politische Wille“, sagt René Skiba, „muss gegeben sein.“

Bis es so weit ist, gilt es noch einige dicke Bretter zu bohren. Dazu gehört die Frage, wo künftig der Sitz der neuen Organisation sein wird und wie ein gemeinsamer neuer Name lauten könnte. Da hatten es die beiden Hohenlohes denkbar einfach, im Falle des Nördlichen Schwarzwaldes und des Albtals ist das nicht ganz so leicht. „Der Name ist ein sensibles Thema“, weiß auch René Skiba: Einerseits soll er beides beinhalten, andererseits kein Wortungetüm sein, das nach außen nicht mehr vermittelbar ist.

Bessere Verhandlungsposition

Die Hoffnungen, die beide Seiten in die Zusammenarbeit haben, sind dennoch groß: „Eine gemeinsame Region kann kombinierte Angebote schaffen und saisonübergreifend attraktiver sein. Außerdem stärkt sie die Verhandlungsposition gegenüber Partnern, Verbänden und Behörden“, sagt Sandra Lahm von der Touristikgemeinschaft „Albtal Plus“. 

Damit könnte der Norden des Schwarzwaldes allmählich an das anknüpfen, was im Süden schon längere Zeit Realität ist: Dort kooperieren bereits seit 2008 insgesamt 20 Kommunen in der Hochschwarzwald Tourismus GmbH (HTG), rund 100 Mitarbeitende sind unter ihrem Dach vereint. 2016 hat sich die Region als nachhaltiges Reiseziel zertifizieren lassen.

Das ist 2022 auch der Nationalparkregion Schwarzwald gelungen. Hier haben sich vor fünf Jahren über drei Kreisgrenzen hinweg 27 Gemeinden zusammengeschlossen, die rund um den einzigen Nationalpark des Landes angesiedelt sind. Zehn Mitarbeiterinnen teilen sich die insgesamt 5,4 Stellen der GmbH. „Ihre Gründung war ein Commitment“, sagt Geschäftsführerin Xenia Jauker. Ein Bekenntnis zu einer Kooperation, die nun endlich nicht mehr nur lose auf Vereinsebene stattfand, sondern echtes touristisches Marketing betreiben konnte.

Das beginnt damit, dass knapp die Hälfte der Mitarbeitenden in der Tourist-Information sitzt, die im Eingangsbereich des Nationalparkzentrums zu finden ist. Auch auf der CMT in Stuttgart tritt man Seite an Seite mit dem Nationalpark auf, mit einer klaren Arbeitsteilung, versteht sich: Das Großschutzgebiet macht keine Werbung für den Tourismus, sondern koordiniert ihn nur.

Die Vermarktung wiederum organisieren die in der Nationalparkregion zusammengeschlossenen Kommunen, zu denen auch so große Tourismusgemeinden wie Baiersbronn und Freudenstadt gehören. Sie sagen den Gästen, was sie sonst noch im Schwarzwald machen können und was im Nationalpark selbst verboten ist.  

Der bleibt jedoch das große Zugpferd der Region, die sich nicht ohne Grund eben diesen Namen gab: „Ein Nationalpark ist touristisch eine starke Marke, auch international“, weiß Xenia Jauker. Dass sich diesem Gedanken alle unterordnen und an einem Strang ziehen, erfüllt sie mit Stolz und Freude: „Man muss da vom Kirchturmdenken weg“, sagt die Geschäftsführerin, „und erkennen, dass Dinge einfacher werden, wenn man sie gemeinsam macht.“ Das Datenmanagement zum Beispiel, Outdooractive- und Komoot-Einträge, die Zertifizierung als nachhaltiges Reiseziel: „Da sind vor allem kleine Gastgeber sehr dankbar“, sagt Xenia Jauker.

Die Orientierung an einem Zugpferd in der Region war es auch, die die Erlebnisregion Europa-Park auf den Weg gebracht hat. Der Freizeitpark in Südbaden gehört längst zu den großen touristischen Akteuren im Land, zumal er auch zahlreiche eigene Hotels betreibt. Wie kann man es nun schaffen, dass die, die in den Europa-Park kommen, noch ein wenig länger bleiben? „Wir suchen nicht nach neuen Gästen, sondern wollen die, die ohnehin in großer Zahl kommen, halten“, sagt die Leiterin des Tourismus-Teams, Mareike Kopf. Nicht ohne Grund heißt der Claim, mit dem man in die Werbung geht: „Verlängere dein Abenteuer.“

Fachbeirat begleitet die Arbeit

Im Oktober 2023 wurde die Erlebnisregion Europa-Park gegründet. Sie ist ein loser Zusammenschluss, eine Interessengemeinschaft von sieben Gemeinden, die weder GmbH- noch Vereinsstrukturen aufweist. Mit Geld und Personal wurde sie freilich dennoch ausgestattet und organisatorisch in der Gemeinde Rust angesiedelt, auf deren Boden auch der Europa-Park liegt.

Ein Fachbeirat begleitet das operative Geschäft, zu dem eine gemeinsame Website, eine Tourist-Information, Social-Media-Aktivitäten, ein Magazin, Image-Clips und ein Fotoshooting gehören. Ferner soll es bald gemeinsame Broschüren und eine Gäste-Card für die Erlebnisregion geben.

Der Europa-Park selbst gehört zwar nicht dem Fachbeirat an, ist jedoch ein enger Kooperationspartner: So liegen die Magazine der Erlebnisregion in den Park-Hotels aus und immer wieder gibt es Synergien im Bereich von Social Media. „Da profitieren wir von der enormen Reichweite des Europa-Parks“, sagt Mareike Kopf.

Die Tourimia Tourismus GmbH (TTG) ist die 2024 ins Leben gerufene Dachorganisation von sieben Tourismusgemeinschaften im Norden Baden-Württembergs. Ihre Geschäftsstelle ist im Lieblichen Taubertal zu finden, im Kloster Bronnbach bei Wertheim am Main: „Im Süden ganz oben.“
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