© Francesco Ciccolella

Chancen im globalen Datennetz

Wer seine touristischen Daten intelligent vernetzt, erschließt sich ungeahnte Vertriebswege. Doch wie genau funktioniert das eigentlich?

Quick Wins

Datenpflege
In der Datenbank mein.toubiz werden die Datensätze bereits automatisiert nach einem internationalen Standard erfasst.

Open Data
Ohne offene Daten gibt es auch keine vernetzten Daten. Offene Lizenzen sollten künftig selbstverständlich werden.

Neue Möglichkeiten
Bereits heute werden touristische Daten umfangreich genutzt. Im KI-Zeitalter sind die Möglichkeiten nahezu unbegrenzt.

Im zurückliegenden Sommer gab es bei hohen Temperaturen eine völlig neue Möglichkeit, nach „Kühlen Orten in Baden-Württemberg“ zu suchen. Unter diesem Namen launchte die Tourismus Marketing GmbH Baden-Württemberg (TMBW) zu Beginn der Sommerferien eine neue App und fütterte sie gleich zum Start mit Tausenden von Datensätzen. Darunter befinden sich Trinkwasserbrunnen ebenso wie Eisdielen, Badeseen oder schattige Plätze. Wer sich dort auf die Suche machte, stieß zum Beispiel auf das Freilichtmuseum Neuhausen ob Eck. Mit seinen alten Gemäuern und steinernen Kellern bietet es an Hitzetagen eine willkommene Abkühlung. In der App erscheint es auf der integrierten Karte deshalb unter der Rubrik „Kühle Orte drinnen“. 

„Es waren für uns nur wenige Klicks, um mit dem Freilichtmuseum in die neue App zu kommen“, sagt Walter Knittel von der Donaubergland GmbH, die vor Ort für die touristische Datenpflege zuständig ist. „Wir aktualisieren die Daten ohnehin regelmäßig und stellen sie Dritten zur Verfügung, da mussten wir jetzt nur noch einen weiteren Haken setzen und waren direkt beim neuen Angebot dabei.“

Tatsächlich basiert die App auf den offenen Datensätzen, die in der Datenbank mein.toubiz in ganz Baden-Württemberg gemeinsam und dezentral eingespeist werden. Die Daten waren also längst da, als im Frühsommer die Idee für die Kühle-Orte-App aufkam. „Das ist auch der Grund, warum wir dieses neue Angebot in nur wenigen Wochen und mit kleinem Budget auf den Markt bringen konnten, die Daten hatten wir ja schon“, sagt Susanne Bleibel, die bei der TMBW das Datenmanagement leitet. „Dank einer zusätzlichen Verknüpfung mit den aktuellen Wetterdaten lässt sich sogar auf einen Blick erkennen, wo gerade welche Temperatur herrscht“, so Bleibel. Für sie ist die App ein praxisnahes und anschauliches Beispiel dafür, welche Möglichkeiten offene und vernetzte Daten dem Tourismus bereits heute bieten. 

Daten gelten heute gemeinhin als das „neue Gold“, sie werden als Quelle für künftigen Wohlstand und neue Geschäftsmodelle angepriesen. Meist klingt das reichlich abstrakt und irgendwie wenig greifbar. Um zu verstehen, wie Daten ihr volles Potenzial entfalten können, muss man daher genauer hinsehen und sich anschauen, wie Datensätze intelligent miteinander vernetzt werden können. Erst dadurch stehen sie für eine Vielzahl neuer Nutzungen zur Verfügung. Am Beispiel des Freilichtmuseums im Donaubergland lässt sich der Weg der Daten – und die darin liegenden Chancen – anschaulich nachvollziehen.

Vom lokalen Datensatz zum globalen Auftritt 

Wie Walter Knittel und sein Team im Donaubergland nutzen die allermeisten Tourismusschaffenden in Baden-Württemberg die landesweite Datenbank mein.toubiz zur Erhebung und Pflege ihrer touristischen Daten. Wanderwege, Weingüter und andere Freizeitangebote können hier nach einheitlichen Standards gepflegt und regelmäßig aktualisiert werden. Aus der Datenbank werden die Inhalte dann automatisch auf der lokalen und regionalen Website ausgespielt. Mit allem, was man wissen muss: Öffnungszeiten, Anreise, Eintrittspreise und vielem mehr. So findet man die Informationen zum Freilichtmuseum in Neuhausen ob Eck nicht nur beim Donaubergland und auf der Seite der Schwäbischen Alb, sondern automatisiert ausgespielt auch auf der TMBW-Seite und bei weiteren angebundenen Ausspielkanälen. Diese arbeitsteilige Datenpflege hat sich über viele Jahre etabliert und ist gelebte Praxis in Baden-Württemberg.

Doch damit ist die Reise der Daten noch lange nicht zu Ende. Dank offener Schnittstellen und einheitlicher Datenstandards fließen die Informationen weiter in den sogenannten Knowledge Graph der Deutschen Zentrale für Tourismus (DZT) – die deutschlandweite Datenbank – und werden somit Teil einer nationalen Dateninfrastruktur, die Deutschland im Ausland sichtbar macht. Von dort aus stehen sie für eine weltweite Nutzung zur Verfügung, ihre potenziellen Einsatzmöglichkeiten sind nahezu unbegrenzt.

Allerdings gilt das bei Weitem nicht für alle Datensätze, die in mein.toubiz angelegt sind. Um ihren Weg ins globale Datennetz finden zu können, müssen die Daten nach einheitlichen Standards strukturiert erhoben werden, und sie müssen als offene Daten Dritten zur Verfügung stehen. Dies liegt in der Verantwortung der örtlichen Tourismusakteure, die es bei der Pflege der Daten selbst in der Hand haben, wie weit die Reise ihrer wertvollen Informationen gehen kann. Darüber entscheiden nicht zuletzt die vergebenen Lizenzen (Creative Commons). Bei den Daten aus Neuhausen ob Eck wurde die Lizenz „CC BY-SA“ hinterlegt, damit gelten sie als „Open Data“ und können ihre Reise ins globale Datennetz weiterführen.   

Gut zu Wissen

TMBW Data Days
Die TMBW-Data-Days sind das zentrale Branchentreffen für alle Touristikerinnen und Touristiker in Baden-Württemberg, die mit digitalen Daten arbeiten. Im Fokus stehen aktuelle Entwicklungen rund um die Plattform mein.toubiz, offene Datenstrukturen und innovative Anwendungen im Tourismus. Die Data-Days geben Einblicke in neue Projekte, Best Practices und zukunftsweisende Trends wie beispielsweise künstliche Intelligenz. Ziel ist es, gemeinsam die digitale Sichtbarkeit Baden-Württembergs zu stärken und die Chancen von Daten für Marketing, Service und Produktentwicklung optimal zu nutzen. Die Data-Days bieten Raum für Inspiration, Austausch und Vernetzung. Mit praxisnahen Vorträgen und Beispielen aus der Branche setzen die TMBW-Data-Days wichtige Impulse für eine innovative und datengetriebene Tourismusarbeit und bieten eine Plattform, um aktuelle Entwicklungen einzuordnen und den Süden gemeinsam digital voranzubringen.

Ohne offene und strukturierte Daten geht nichts

Von den insgesamt rund 200.000 Datensätzen in mein.toubiz sind bisher rund 30 Prozent als offene Daten angelegt, sie bilden gemeinsam den „Open Data Pool BW“. „Das ist schon mal nicht schlecht“, sagt Susanne Bleibel, „aber damit können wir noch lange nicht zufrieden sein.“ Sie und ihr Team kümmern sich im Rahmen eines Sonderförderprojekts des Landes Baden-Württemberg um den Ausbau des touristischen Datenmanagements. Ein wichtiger Baustein ist dabei Überzeugungsarbeit: „Bei Schulungen und Veranstaltungen betonen wir regelmäßig die Relevanz von offenen Daten und klären auf, was man selbst tun kann, um seine Daten für die globale Nutzung fit zu machen“, so Bleibel.

Offene Lizenzen sind dabei das eine, eine weitere Herausforderung liegt in den einheitlichen Datenstandards, die ein weltweites Zusammenspiel vernetzter Daten überhaupt erst möglich machen. Hier ist in den letzten Jahren sehr viel passiert, zahlreiche Hürden konnten erfolgreich aus dem Weg geräumt werden.

Damit nahtlose Datenflüsse funktionieren, mussten sich alle Beteiligten auf gemeinsame Spielregeln verständigen. Neben offenen Lizenzen geht es hier vor allem um sogenannte strukturierte Daten. Dahinter steckt der Ansatz, bei der Erhebung und Pflege auf einheitliche, international gültige Standards wie zum Beispiel schema.org zu setzen. Diese einheitlichen Standards ermöglichen, dass Datensätze weltweit miteinander agieren können. In der Datenbank mein.toubiz passiert das alles inzwischen geräuschlos im Hintergrund. Wer dort seine Daten einpflegt, bekommt automatisch strukturierte Datensätze, die für den internationalen Datenfluss gerüstet sind.

Am Ende sind es drei Voraussetzungen, die erfüllt werden müssen, damit die Vernetzung der Daten funktioniert: offene Lizenzen (Open Data), einheitliche Datenmodelle (schema.org) und standardisierte Schnittstellen. Nur wenn diese drei Voraussetzungen erfüllt sind, kann es gelingen, dass Daten nicht in Silos gefangen bleiben, sondern von System zu System weitergereicht werden können. 

Ein globales digitales Ökosystem

Um all dies möglich zu machen, hat sich 2020 die Open Data Tourism Alliance (ODTA) gegründet, ein Zusammenschluss von Tourismusorganisationen und -akteuren im DACH-Raum. Erklärtes Ziel der ODTA ist es, Tourismusdaten nach einheitlichen offenen Standards bereitzustellen, damit Informationen wie Veranstaltungen, POIs, Gastronomie oder Routen maschinenlesbar, vernetzbar und wiederverwendbar sind. Die Hauptaufgabe der ODTA besteht darin, gemeinsame Datenstandards zu entwickeln und zu pflegen, die Interoperabilität zwischen unterschiedlichen Datenquellen zu sichern und so die Grundlage für innovative digitale Anwendungen zu schaffen – von Sprachassistenten über KI-Systeme bis hin zu touristischen Plattformen. Auch die TMBW engagiert sich seit vielen Jahren in diesem Prozess, inzwischen ist der gemeinsam definierte ODTA-Standard bei der Dateneingabe in mein.toubiz hinterlegt. Von hier aus fließen die (offenen) Datensätze direkt in den Knowledge Graph der DZT. 

So entsteht ein digitales Ökosystem, in dem Informationen kompatibel und maschinenlesbar sind, was die Grundvoraussetzung dafür ist, dass Gäste verlässliche Antworten bekommen, egal ob sie eine Suchmaschine nutzen, ein touristisches Portal besuchen oder ihren Sprachassistenten fragen. Das Schaubild auf dieser Seite verdeutlicht das vernetzte Zusammenspiel in diesem Ökosystem: Baden-Württembergs landesweite Lösung, der Knowledge Graph auf nationaler Ebene und ODTA als internationaler Standard greifen hier nach gemeinsam definierten Regeln eng ineinander.

Und was passiert nun in diesem internationalen Ökosystem mit den Daten aus Neuhausen ob Eck oder aus einer der vielen anderen touristischen Gemeinden im Land? Eins ist klar: Das liegt nicht mehr im Ermessen der Akteure vor Ort. Offene Daten können von unterschiedlichen Dienstleistern oder technischen Anwendungen genutzt werden. Genau darin liegt aber die große Chance. Die App „Kühle Orte in Baden-Württemberg“ ist dabei nur ein erstes Beispiel dafür, was künftig möglich sein wird.

Auch bei der DZT in Frankfurt, wo die zentrale Wissensdatenbank Knowledge Graph initiiert und nun weiterentwickelt wird, ist man von den ungeahnten Möglichkeiten überzeugt: „Wir stellen Content und verlässliche Daten zur Verfügung, daraus können kreative Start-ups neue Geschäftsmodelle entwickeln, von denen wir als Branche wiederum nur profitieren können“, sagt die Vorstandsvorsitzende Petra Hedorfer. Je mehr Daten hierfür in Zukunft zur Verfügung stehen, umso besser sei dies für den Tourismusstandort Deutschland. Denn im internationalen Vergleich stehe das Reiseland Deutschland unter hohem Wettbewerbsdruck. Europäische Nachbarländer seien zum Teil weiter als wir.

Wer seine Daten nicht strukturiert pflegt und öffnet, findet im internationalen Kontext schon bald nicht mehr statt.

Petra Hedorfer, Deutsche Zentrale für Tourismus

Wer den Anschluss in einer zunehmend digitalisierten und internationalisierten Tourismuslandschaft nicht verpassen möchte, komme ohne gut gepflegte und offene Daten schon bald nicht mehr weit.  

Kooperation statt Silos: Daten als Gemeinschaftsaufgabe 

Damit es so weit nicht kommt, ist Vernetzung beim Thema Daten in doppelter Hinsicht entscheidend: auf einer technischen und einer organisatorischen Ebene. Weil Datenpflege eine Gemeinschaftsaufgabe ist, kommt es dabei auch auf gut funktionierende menschliche Netzwerke zwischen den beteiligten Datenmanagerinnen und -managern an. Das gilt für die nationale Ebene mit dem Knowledge Graph (DZT) ebenso wie für den europäischen Austausch (ODTA), wo über Ländergrenzen hinweg vertrauensvoll und ohne Konkurrenzdenken zusammengearbeitet wird. Mindestens ebenso wichtig ist aber der Austausch unter denjenigen, die Daten erheben und pflegen. Dafür gibt es in Baden-Württemberg zum Beispiel das Kompetenzteam Digital oder auch den regelmäßig veranstalteten TMBW-Data-Day (siehe Kästen). In diesen Formaten geht es immer wieder auch darum, wie man die Zusammenarbeit organisiert und optimiert.

Nur wenn alle beteiligten Ebenen ihre Aufgaben wahrnehmen, können wir gemeinsam für Sichtbarkeit sorgen.

Susanne Bleibel, TMBW

Immer größer wird der Kreis derjenigen, die bereits vorhandene Daten nutzen oder im Rahmen von Kooperationen eigene Daten in die touristische Datenwelt einspeisen: Die Beispiele reichen von Buchungssystemen (Booking, Regiondo) über Wetterdaten (Deutscher Wetterdienst) und Mobilitätsdaten (Mobi Data) bis zur Barrierefreiheit (Reisen für Alle) oder den Verkaufsstellen von Mehrwegverpackungen (Recup). 

Das alles zeigt, was heute schon umgesetzt wird. Völlig offen ist hingegen, was in den kommenden Jahren noch alles möglich sein wird. Neue Technologien wie künstliche Intelligenz werden zwar auch in Zukunft nur so gut sein wie die Daten, auf die sie zugreifen können. Denkbar ist im KI-Zeitalter aber vieles: personalisierte Empfehlungen, smarte Reise-Assistenzsysteme oder automatisierte Content-Generierung – all diese Möglichkeiten leben von einer sauberen, vernetzten Datenbasis. 

Für all das braucht es nicht nur Technik, sondern auch eine gemeinsame Kultur der Offenheit: Nur wenn es in Zukunft völlig selbstverständlich ist, die eigenen Daten laufend aktuell zu halten und offene Lizenzen zu vergeben, können die Chancen in einer vernetzten Datenwelt genutzt werden.

Dass diese Möglichkeiten immer mehr erkannt werden, zeigt auch das Beispiel eines weiteren Online-Tools, das gerade in Planung ist: Die Industrie- und Handelskammern (IHK) in Baden-Württemberg arbeiten momentan an einem „Wochenmarkt-Finder“, der ab 2026 die zahlreichen Wochenmärkte im Land vernetzen und vor allem besser sichtbar machen soll. Grundlage sind auch hier einmal mehr die offenen Daten aus mein.toubiz. Gemeinden und Veranstalter können ihre Märkte dort einfach und kostenlos für ein touristisches Publikum zugänglich machen. 

Im Freilichtmuseum Neuhausen ob Eck gibt es bis dato zwar noch keinen Wochenmarkt. Sollte sich das aber einmal ändern, wäre er mit wenigen Klicks auch in dieser neuen Anwendung dabei. Vernetzte Daten machen es möglich.

Gut zu Wissen

Landesweite Zusammenarbeit: Kompetenzteam Digital
Um die digitale Entwicklung im baden-württembergischen Tourismus koordiniert voranzubringen, hat die TMBW 2021 das Kompetenzteam Digital ins Leben gerufen. Das Gremium vereint Vertreterinnen und Vertreter der regionalen DMOs, der Städte sowie der Heilbäder und Kurorte Marketing GmbH Baden-Württemberg (HKM).
Im Zentrum steht die gemeinsame Arbeit an datengetriebenen Projekten. Seit 2022 liegt der Fokus klar auf Themen rund um Daten und Datenmanagement wie etwa die Weiterentwicklung der landesweiten Datenbank mein.toubiz, die Verbesserung von Datenqualität und -tiefe sowie die Öffnung von Inhalten als Open Data. Damit sollen Wissen, Angebote und touristische Informationen nicht nur im Land, sondern auch überregional besser nutzbar gemacht werden.
Die Arbeit des Kompetenzteams versteht sich vor allem als beratend. Die TMBW übernimmt Projektmanagement, Koordination und Kommunikation: vom regelmäßigen Austausch über den digitalen Kommunikationsraum bis zu drei bis vier Treffen pro Jahr, die meist online, einmal jährlich aber auch vor Ort stattfinden.
Wichtiger Bestandteil der Treffen ist der Wissenstransfer: Best-Practice-Beispiele aus den Regionen, Ergebnisse überregionaler Arbeitsgruppen und praxisnahe Hilfestellungen fließen ins Gremium zurück. Das Kompetenzteam Digital lebt dabei von Offenheit und Mitgestaltung. Ziel ist es, Digitalisierung und Datenmanagement im Land nicht isoliert, sondern im breiten Konsens und im engen Austausch mit allen relevanten Partnern voranzutreiben./w