© Iván BravoDestination wird zum Lebensraum
Mit dem Lebensraummanagement übernimmt der Tourismus vielerorts eine neue Rolle, die weit über bisherige Zuständigkeiten hinausreicht. Dieses gewandelte Verständnis kann dabei helfen, Tourismusbewusstsein zu fördern
Quick Wins

Freizeitverhalten:
Die Freizeitinteressen der Gäste und Einheimischen sind nicht so verschieden. Beide Gruppen nutzen Restaurants und Wanderwege.
Interessenausgleich:
Lebensraum bedeutet nicht nur, dass der Tourismus die Belange der Bevölkerung berücksichtigt. Es geht auch darum, dass der Tourismus Gehör findet.
Win-win-Situation:
Der Tourismus erzielt positive Effekte auf allen Seiten. Eine Erkenntnis, die sich noch weiter durchsetzen muss.
Wer sich für touristische Fachthemen interessiert, bekommt auch diese prägnant und knapp erklärt: Was verbirgt sich hinter Besucherlenkung und wie wird ein Gästeticket finanziert? Was bedeutet nachhaltige Mobilität und wer hält eigentlich die Wander- und Radwege in Schuss? Als treibende Kraft hinter der Publikation steht der Tourismusverband Ostallgäu, die Gestaltung und Konzeption lagen bei der Agentur „Cross Media Redaktion“, die sich mit ihren Veröffentlichungen sonst fast ausschließlich an Reisende richtet – und die auch „Tourismus aktuell“ mitverantwortet.
Die Freizeit aller im Blick
Das „WIR-Magazin“ aus dem Ostallgäu, das bereits in zweiter Ausgabe vorliegt, ist Teil einer umfassenden Neuausrichtung, der sich die Tourismusverantwortlichen im Ostallgäu verschrieben haben. „Es geht um die Freizeit von allen“, sagt Sebastian Gries. Für den Geschäftsführer des Tourismusverbands Ostallgäu, der zuvor jahrelang in der Strategieberatung tätig war, sind Einheimische und Touristen ein- und dieselbe Zielgruppe. „Ihre Interessen in der Freizeitgestaltung sind gar nicht so unterschiedlich“, lautet sein Resümee, „alle nutzen Wanderwege, Restaurants, Läden und Kulturangebote.“
Man kann sie also vielfach gemeinsam ansprechen, auf unterschiedlichen Vertriebswegen versteht sich: So wurde das „WIR-Magazin“ nicht über die Kanäle der Touristik verbreitet, sondern in Arztpraxen, Fitnessstudios, Metzgereien und in Friseursalons ausgelegt – 184 Kontaktpunkte waren es insgesamt. Dahinter steckt ein neuer konzeptioneller Ansatz, der sich „Lebensraummanagement“ nennt. Hat man in früheren Zeiten nur auf die Vermarktung eines Reiseziels geschielt, geht es nun immer öfter um die Interessen aller Menschen in einer Region.
Corona hat vieles bewusst gemacht
Das hat auch mit den negativen Folgen des Tourismus zu tun, die in der Corona-Zeit ganz besonders deutlich wurden: Da war den Einheimischen plötzlich klar, wie die Welt ohne Übernachtungsgäste aussieht, während die Tagesausflügler aus den Ballungsräumen in großen Massen dort einfielen. „Das könnte nur ein Vorbote dessen gewesen sein, was passiert, wenn der Klimawandel weiter fortschreitet“, befürchtet Gries. Die Sehnsucht nach kühlen Erholungsräumen, sie wird im Sommer vermutlich weiter zunehmen.
Also braucht es neue Ideen und Lösungsansätze. Das haben nicht nur die Verantwortlichen im Ostallgäu erkannt, sondern auch die Tourismusschaffenden über der Grenze in Österreich. Dort hat sich kürzlich der Bund Österreichischer Tourismusmanager (BÖTM) in Destinations-Netzwerk Austria (dna) umbenannt. Die Abkürzung „dna“ ist kein Zufall, steckt dahinter doch ein grundlegend neues Selbstverständnis, das sich die Handelnden gegeben haben.
In einer Veröffentlichung vom Oktober 2024 setzt sich das Destinations-Netzwerk Austria mit dem Thema „Lebensraummanagement für nachhaltigen Tourismus in Österreich“ auseinander. Dabei geht es um die Transformation klassischer Tourismusdestinationen in Lebensräume für Gäste, Beschäftigte und die Bevölkerung. Ohne die Berücksichtigung der Belange von Einheimischen und des Naturschutzes sei langfristig keine Tourismusentwicklung mehr möglich, heißt es in der Publikation weiter.
Die haben die knapp 200 im Netzwerk zusammengeschlossenen Akteurinnen und Akteure natürlich im Blick. Das macht auch Mathias Schattleitner deutlich, der zugleich Geschäftsführer des Tourismusverbands Schladming-Dachstein und Präsident des Destinations-Netzwerks Austria ist: „Wir brauchen eine starke Einheit mit entsprechendem Budget, wenn wir weiterhin eine Rolle spielen wollen.“
Best Practice: Marktplatz wird zum Erlebnisraum
Innovationspreis:
Mit ihrem Projekt „Quartier im Wandel – Kooperative Entwicklung des Marktplatzes Karlsruhe zum touristischen Erlebnisraum“ hat die KTG Karlsruhe Tourismus GmbH den dritten Platz beim diesjährigen Innovationspreis Tourismus des Tourismus-Verbands Baden-Württemberg belegt. Die Jury lobte vor allem die aktive Rolle der Tourismusorganisation beim Neuplanungsprozess für den historischen Marktplatz in Karlsruhe. Dabei ging es um die Aufwertung eines Platzes, der zwar bisher schon einen Wochenmarkt beherbergte, aber ansonsten kaum Besucherinnen und Besucher anlockte.
Erstmals Teil der Stadtplanung
Wie lässt sich ein solcher Platz attraktiver gestalten – für Einheimische wie für Urlaubsgäste, für Anwohnerinnen sowie für jene, die in unmittelbarer Umgebung ihren Arbeitsplatz haben? Ziel war die Schaffung eines vielfältigen Erlebnisraums, der zu einem Treffpunkt für die Stadtgesellschaft und die Gäste wird.
Es war das erste Mal überhaupt, dass in Karlsruhe eine touristische Organisation in einen Stadtentwicklungsprozess mit eingebunden war. Eine Neuerung im Rahmen eines großangelegten City-Transformationsprojekts, das auch mit Bundesmitteln bezuschusst wurde. Die KTG saß dabei mit den Beteiligten aus dem City-Marketing, der Stadtplanung und den Marktplatz-Anrainern an einem Tisch.
Wichtiges Netzwerk aufgebaut
Eine ebenso interessante wie bereichernde Erfahrung, deren Effekte weit über die Marktplatzgestaltung hinausgehen, wie die Touristikerin Jana Kolodzie berichtet, die das Projekt für die KTG begleitet hat: „Man kennt sich jetzt, weiß, wohin man sich auch in Zukunft wenden kann.“ Der Aufbau eines Netzwerks, in dem nun auch der Tourismus als wichtiger Akteur wahrgenommen wird.
Was den Marktplatz selbst angeht, hat dieser vor allem im Bereich der Möblierung und kulturellen Angebote eine spürbare Veränderung erfahren: Es gibt nun Sitzgelegenheiten ohne Konsumzwang sowie mehrere musikalische Veranstaltungsreihen, die zum Verweilen animieren. Auch die Begrünung wurde verbessert sowie ein Verein aus Anrainern gegründet, der die Umsetzung der Maßnahmen unterstützt.
Die KTG konnte ihre Expertise dabei vielfältig einbringen, schließlich sind Touristikerinnen und Touristiker diejenigen, die oft am besten wissen, was Menschen begeistert.
Gespräch mit anderen Playern suchen
Diese Rolle verändert sich gerade. Es geht um die Frage, „was der Tourismus für die Gesamtheit tun kann“, sagt Schattleitner: „Wir müssen eine gemeinsame Linie finden und uns besser vernetzen.“ So wird aus der Destinations-Marketing-Organisation eine Destinations-Marketing- und -Management-Organisation, die das Gespräch mit ganz unterschiedlichen Gruppen in der Region sucht – auch, um dort Gehör zu finden.
Denn Mathias Schattleitner lässt keinen Zweifel daran, dass er dadurch auch in der Bevölkerung ein neues positives Bewusstsein für den Tourismus etablieren will.
Die negativen Effekte kommen in Österreich sehr schnell und umfassend zur Sprache, aber die positiven werden verschwiegen
So werde gerne über den Stau an der Ampel und an der Supermarktkasse geklagt, ohne zu bedenken, was vom Tourismus alles abhänge: der Wohlstand, die Infrastruktur, das dichte Netz an Bergbahnen, Hütten und Restaurants, die im Reiseland Österreich allesamt ohne Reisende nicht existieren könnten.
Also macht sich Schattleitner auf den Weg, redet mit Bäckermeistern und Busfahrerinnen, Bürgermeistern und handwerklich Aktiven: „Sie glauben gar nicht, wie interessant es sein kann, einen Estrichleger zu besuchen.“ In den allermeisten Fällen komme dabei auch eine Wertschätzung gegenüber dem Tourismus zum Ausdruck: „Es ist doch eine Win-win-Situation, das muss man den Leuten klarmachen. Wer den Tourismus ablehnt, schneidet sich ins eigene Fleisch.“
Mathias Schattleitner, der seit 2013 an der Spitze des Tourismusverbands Schladming-Dachstein steht, will gar nicht bestreiten, dass der Besucherverkehr auch Probleme mit sich bringt. „Es gibt Zeiten, da explodieren die Zahlen“, sagt er, „aber das sind doch nur drei oder vier Tage im Jahr.“ Gefühlt würden daraus aber 30 bis 40 Tage, was in keinem Verhältnis stehe.
Nebensaison gezielt bewerben
Nichtsdestotrotz brauche es eine effektive Besucherlenkung. So würden inzwischen im Marketing fast nur noch die saisonschwachen Zeiten im Mai oder Juni beworben. „Das allerdings“, gibt der Touristiker selbstkritisch zu bedenken, „funktioniert nur, wenn man den Gästen in dieser Zeit auch etwas bietet.“ Festivitäten zum Beispiel, die nicht nur in der Hochsaison stattfinden. Geöffnete Läden und Restaurants, die den Aufenthalt zu einem Genusserlebnis machen.
Es gibt zwischenzeitlich eine Vielzahl von touristischen Beraterinnen und Beratern, die sich dem Thema Lebensraummanagement widmen. Andrea Schneider von „Realizing Progress“ gehört dazu. Ganz am Anfang hieß die Agentur aus dem bayerischen Holzkirchen noch „Tourismuszukunft“. „Doch daraus ist ein viel umfassenderer Ansatz geworden“, sagt sie. Immer öfter wird Andrea Schneider in Prozesse der Stadtentwicklung mit eingebunden, weil kaum noch eine Tourismusstrategie ohne einen übergreifenden Ansatz auskommt.
Erst kürzlich hat sie in Isny im Allgäu einen neuen Masterplan für die dortige Tourismus, Kultur und Marketing GmbH mit auf den Weg gebracht. Den fand der Gemeinderat so interessant, dass er daraus ein umfassendes Konzept für die gesamte Stadtentwicklung machen möchte. Der Tourismus als Impulsgeber, als strategischer Partner, der mehr im Blick hat als nur die Zahl der Ankünfte und Übernachtungen – das macht nach Meinung von Andrea Schneider das neue Lebensraumverständnis aus.
Sie hält den Begriff für angemessen, auch wenn er durchaus historisch vorbelastet ist. Im Kolonialismus wurde er benutzt, im Nationalsozialismus auch, andererseits aber auch auf dem Gebiet der Flora und Fauna. „Man muss ihn eben neu besetzen“, sagt Andrea Schneider, „und mit Leben füllen.“
Tourismus wurde oft nur belächelt
Philosophisch betrachtet steckt für sie darin ein wunderbarer Ansatz, der alle Lebewesen in einer Region einschließt: Nicht nur die Menschen, sondern auch Pflanzen und Tiere. Ein geographischer Raum eine sie und den gelte es zu gestalten. Dabei dürfe der Tourismus ruhig eine gewichtige Rolle spielen, der sich doch bisher eher den schönen Themen gewidmet habe und dafür oft genug auch belächelt würde.
Andrea Schneider begleitet die Erstellung von Lebensraumkonzepten (oder ähnlich lautenden Vorhaben) in einer Vielzahl von Städten und Gemeinden. Ihre Erkenntnis dabei: „Es ist ein Prozess, der Zeit braucht.“ Sechs bis neun Monate sind dabei keine Seltenheit, oft genug müssen Akteurinnen und Akteure zusammengebracht werden, die vorher kaum etwas miteinander zu tun hatten.
Immer geht es darum, dass die Beteiligten lernen, über ihren Tellerrand hinauszuschauen. „Viele sind zu sehr mit sich selbst beschäftigt und sehen die Auswirkungen auf die Betroffenen nicht“, sagt sie. So kennt sie Probleme des Overtourism aus ihrer Heimat in Interlaken in der Schweiz. Vor allem von Mai bis Oktober sei es dort brechend voll mit Gruppenreisenden, die nur eine Nacht bleiben.
Eine Möglichkeit, hier gegenzusteuern, könne sein, die Mindestaufenthaltsdauer hochzusetzen. Doch welche Auswirkungen hat das? So sei es vor allem für Hotels oft viel einfacher, ganze Gruppen zu beherbergen und zu verköstigen als nur Einzelgäste. Auch das gelte es zu berücksichtigen.
Wer gemeinsame Lösungen finden will, braucht alle Perspektiven und einen intensiven Austausch
Soll am Ende ein tragfähiger Konsens erzielt werden, müssen sich alle aufeinander zubewegen und um einen kreativen Kompromiss ringen: „Ein gutes Ergebnis ist immer mehr als die Summe aller Einzelpositionen.“
Mobilität als übergreifendes Problem
Wenn der Touristiker Sebastian Gries im Ostallgäu nach Problemlösungen sucht, dann ist längst klar, dass dann mehr als nur die Reisefachleute gefragt sind. Beim öffentlichen Nahverkehr zum Beispiel: Erst kürzlich ging es darum, dass die Gästekarten im Allgäu und der benachbarten Grenzregion Tirol gegenseitig anerkannt werden. „Da sitzt dann auch der ÖPNV-Kollege mit am Tisch“, sagt Gries.
Denn im Grunde geht es ja um viel mehr als nur den touristischen Verkehr. Die Mobilität ist insgesamt ein großes Thema, das nach Lösungen ruft. Die Menschen stehen im Stau, und der ist insbesondere in der Hauptreisezeit ausgesprochen lang. Dabei geht das Gros des Verkehrsaufkommens auf die Bewohnerinnen und Bewohner zurück, wie Untersuchungen gezeigt haben.
Die Frage ist also auch, wie wir die Einheimischen in den Bus kriegen.
Es erfordert daher ein ganzheitliches Mobilitätskonzept für den gesamten Lebensraum in der Region. Ähnliches gilt für den Naturschutz. Da haben die Touristik und die Untere Naturschutzbehörde erst unlängst bei einer Kampagne ganz eng und unkonventionell zusammengearbeitet. Anlass war die Beeinträchtigung der Flora und Fauna durch querfeldein Wandernde und Pflanzenpflückende, die Störung der Tierwelt und das Müllproblem.
Der Kampagnenmanager kam dabei aus dem Tourismus, doch sein Arbeitsplatz war räumlich bei der Unteren Naturschutzbehörde angesiedelt. Beide Ämter sitzen praktischerweise im selben Landratsamt, ohne allzu große Verzahnung in der Vergangenheit. Das ist nun anders, mit interessanten Effekten auch für eine künftige Zusammenarbeit. Man kennt sich recht gut, weiß, wie die jeweils andere Seite tickt und wie man im Alltag zueinanderfinden kann.
Zustimmung eigentlich erstaunlich hoch
Der Perspektivenwechsel im Ostallgäu ging mit einer umfassenden Analyse des Ist-Zustands einher. Dazu gehörte auch eine aufwendige Studie zum Thema Tourismusakzeptanz in der Bevölkerung, die Grundlage für alle weiteren Schritte sein sollte. Dabei ergab sich aller negativer Resonanz zum Trotz ein erstaunlich hohes Maß an Zustimmung. Die Menschen vor Ort wissen es durchaus zu schätzen, was der Tourismus alles möglich macht: „Die Fülle an Angeboten wäre sonst nicht da, das verstehen die Leute schon“, sagt Sebastian Gries.
Erstaunlicherweise hat man auch im Schwarzwald die Erfahrung gemacht, dass die Zustimmungswerte zum Tourismus dort besonders hoch ausfallen, wo viele Reisende sind. „Je höher die Tourismusintensität, desto höher die Akzeptanz“, stellt Hansjörg Mair, Geschäftsführer der Schwarzwald Tourismus GmbH (STG), mit Zufriedenheit fest. Darauf will sich die STG freilich nicht ausruhen, sondern die Zustimmung in der Bevölkerung alle zwei bis drei Jahre messen lassen.
Mair hält viel von einem vernetzten Ansatz und gibt gleichzeitig zu bedenken, dass bei der durchaus angebrachten Berücksichtigung der Bevölkerung die Interessen der Gäste nicht in den Hintergrund treten dürfen. Denn um die geht es ja immer noch vorrangig im Tourismus, was auch der Österreicher Mathias Schattleitner unterstreicht: „Wir sind jetzt zwar auch eine Managementorganisation, aber natürlich spielt das Marketing nach wie vor eine Rolle.“
Letztlich sind wir doch alle Reisende
Die spannende Frage ist obendrein, wo der Tourismus anfängt und wo er aufhört. Im Vorwort des „WIR-Magazins“ sagt Landrätin Rita Zinnecker, „dass wir ja letztlich immer Reisende sind, sobald wir aus der eigenen Haustüre hinausgehen.“ Tatsächlich fällt die Abgrenzung mitunter schwer, wenn Wanderer aus der näheren Umgebung kommen. Sind das schon Touristinnen oder noch Einheimische?
Tatsache ist, dass den rund fünf Millionen Übernachtungsgästen im Ostallgäu knapp zehn Millionen Tagesausflügler gegenüberstehen. Oft genug sind sie es, die mit ihrem Auto im Stau stehen, weil sie nicht in den Genuss einer Gästekarte kommen. „Auch darauf müssen wir eine Antwort finden“, sagt Sebastian Gries und ist weit davon entfernt, den Tagestourismus pauschal zu verteufeln, auch wenn er in seinen Auswirkungen nicht unproblematisch ist.
Derweil setzen die Tourismusverantwortlichen im Ostallgäu auf Kontinuität in der Lebensraumgestaltung. Was einmal angestoßen wurde, soll weitergeführt werden, ob nun mit dem Magazin oder mit anderen Kampagnen. Ein Jahr lang gab es jeden Samstag in der Allgäuer Zeitung Tipps für „Heimatentdecker“. Mit Plakataktionen wurde das Wir-Gefühl beschworen und in Imagefilmen auf Social Media begleitet.
Immer geht es dabei um eine umfassende Identifikation mit der eigenen Umgebung. Die Ermittlung gemeinsamer Werte und Konzepte, die für die Region stimmig sind, steht auch für die Lebensraumentwicklerin Andrea Schneider ganz oben auf der Prioritätenliste. Das kommt letztlich auch bei den Reisenden gut an, die ja immer auf der Suche nach möglichst authentischen Erlebnissen sind.
Stimmung darf ruhig besser werden
Wogegen Gäste ebenfalls nichts haben, sind Einheimische, die ihnen wohlgesonnen sind und sich über ihre Anwesenheit freuen. Im Idealfall kann ein gutes Lebensraummanagement dabei helfen, dass die Stimmung auf beiden Seiten positiv bleibt. Dabei lassen aber weder Sebastian Gries aus dem Ostallgäu noch Mathias Schattleitner aus der Region Schladming-Dachstein einen Zweifel daran, dass der Tourismus bei alledem nur ein Akteur unter vielen ist. Als Impulsgeber, der schon immer ein Gespür dafür hatte, was bei den Menschen gut ankommt, ist er allemal eine gute Wahl. Die Ausstattung mit den entsprechenden Mitteln und dem Personal, das dafür nötig ist, natürlich vorausgesetzt.
Gut zu Wissen: Kritik am Begriff und Konzept des Lebensraums
Es gibt auch kritische Stimmen, was das Lebensraummanagement angeht. Das beginnt mit dem Begriff, der durch den Gebrauch im Nationalsozialismus belastet ist („Lebensraum im Osten“) und geht weiter mit dem Konzept an sich, das manche für verfehlt und überzogen halten.
Zu den bekanntesten Kritikern gehört Matthias Burzinski, Geschäftsführer der Plattform und des gleichnamigen touristischen Beratungsunternehmens Destinet in Bonn. Burzinski kann zwar vielen Ideen, die darin stecken, etwas abgewinnen, etwa, dass man die Belange der Bevölkerung und der Natur stärker berücksichtigt. Dass Tourismusorganisationen ganze Lebensräume managen sollen, hält er jedoch für völlig verfehlt: „Dafür gibt es Planungsinstitutionen, das ist ja auch gesetzlich geregelt.“
Überdies seien die meisten touristischen Organisationen schon jetzt mit ihren Aufgaben überfordert: „Wie sollen die das dann auch noch leisten können?“, fragt er kritisch. Überdies bedeute ein Lebensraumkonzept in der Konsequenz die Auflösung bisheriger Strukturen, mit der Gefahr, dass der Tourismus als eigenständiger Player weiter an Bedeutung verliere – eine Position, die auch das Marktforschungs- und Beratungsunternehmen dwif in einem Gastbeitrag für TN Deutschland teilt. Matthias Burzinski hält deshalb das Lebensraumkonzept als Leitbild für den Tourismus nicht für geeignet und spricht lieber von einer „lernenden Destination“.
Das „WIR-Magazin“ des Tourismusverbands Ostallgäu wechselt die Perspektive und richtet sich konkret an Einheimische. Ein inspirierender Ansatz für Lebensraummanagement.