
Handlungsfeld 1
mehr erfahrenDie Glastüren des Hotels stehen weit offen. Ein warmer Luftzug trägt den Duft von Kaffee und frisch gebackenem Brot aus der Vinothek bis zu Leo, der vor dem Hotel steht und wartet. „Darf ich Ihr Gepäck nehmen?“ Der Gast, eben noch mit dem Kopf bei Terminen, hält inne und schaut in Leos lächelndes Gesicht. „Von hundert auf null“, sagt Christian Helferich, Hoteldirektor des Hotel-Restaurant Anne-Sophie. „Das passiert jedes Mal, wenn Leo jemanden begrüßt.“
Das Hotel-Restaurant Anne-Sophie in Künzelsau ist kein gewöhnlicher Ort. Hier arbeiten Menschen mit und ohne Behinderungen gemeinsam – als Portiers, Servicekräfte, Kollegen und Kolleginnen. Was anderswo als Ausnahme gilt, ist hier Alltag. Und dieser Alltag verändert etwas – bei den Gästen, im Team und in der Stadt.
Die Geschichte des Hauses beginnt mit Carmen Würth. Zeit ihres Lebens setzt sie sich dafür ein, Menschen mit und ohne Behinderung zusammenzubringen und Verständnis sowie Akzeptanz zu fördern. Ihr Antrieb war die Vorstellung eines Lebens, das für alle Menschen selbstverständlich lebenswert ist – mit Arbeit, Freude und Gemeinschaft. Sie wollte einen Ort schaffen, an dem Menschen mit und ohne Beeinträchtigung auf Augenhöhe zusammenarbeiten können. „Miteinander leben, miteinander etwas gestalten“, sagt sie. Für Carmen Würth bedeutet das, Talente zu erkennen und Möglichkeiten zu schaffen, diese zu entfalten – mit Herz, Gefühl und Verstand.
So entstand 2003 ein Hotel, das soziale Integration in den Mittelpunkt stellt – ein Ort, an dem wirtschaftliche Tätigkeit und gesellschaftliche Verantwortung zusammenfallen. Heute halten rund 100 Menschen den Betrieb am Laufen, etwa ein Fünftel von ihnen hat eine Behinderung.

Menschlichkeit und soziales Empfinden können nicht angeordnet werden, sondern sich nur aus der unmittelbaren Begegnung mit dem anderen Menschen bilden.
Wer im Hotel-Restaurant Anne-Sophie arbeitet, lernt, aufeinander zu achten. „Wenn auch ich einmal unfreundlich werde oder schlechte Laune habe, sind es die Mitarbeitenden mit Beeinträchtigung, die das als Erste spüren“, erzählt Helferich. „Deswegen gehen wir hier sehr bewusst miteinander um – respektvoll, freundlich, mit einem offenen Ohr. Das prägt die Atmosphäre im ganzen Haus.“
Für Helferich war das nicht von Anfang an selbstverständlich. „Ich wusste ehrlich gesagt nicht genau, worauf ich mich einlasse“, sagt er. „Ich bin ein klassischer Hoteldirektor. Vor meiner Zeit hier habe ich nie mit Menschen mit Behinderung gearbeitet.“
Heute kann er sich keine andere Art des Arbeitens mehr vorstellen. „Es ist unglaublich, was man dabei selbst lernt“, sagt er leise. „Die Kolleginnen und Kollegen mit Handicap sind oft die, die uns den Spiegel vorhalten. Sie zeigen uns, was wirklich zählt: Gelassenheit, Aufmerksamkeit, Respekt. Das verändert, wie wir miteinander umgehen – und wie wir führen.“
In der Hotelküche steht ein junger Koch und bereitet das Abendessen vor. Er trägt ein Exoskelett, das ihm beim Stehen hilft und seine Bewegungen stützt. Laufen fällt ihm schwer, doch er steht den ganzen Tag konzentriert am Herd. „Als er sich bei uns für die Ausbildung zum Koch bewarb, war unser Küchenchef zunächst kritisch. Aber der angehende Koch hat ihn in einem Praktikum von sich überzeugt.“, erzählt Helferich.
Nach dem Praktikum entschied sich der damalige Schüler für die Ausbildung – und biss sich durch. „Er wollte keine Sonderbehandlung, sondern einfach dazugehören“, sagt der Hoteldirektor. „Heute ist er eine vollwertige Fachkraft. Wenn er ausfällt, fehlt uns ein Koch.“
Diese Geschichte steht sinnbildlich für das, was soziale Nachhaltigkeit im Alltag bedeutet: nicht über Grenzen zu sprechen, sondern sie gemeinsam zu verschieben.
Das Konzept wirkt nach innen. „Wir haben kaum Fluktuation“, sagt Helferich. „Die Menschen bleiben, weil sie sich gesehen fühlen.“ Viele Mitarbeitende kommen bewusst hierher, weil sie in einem Umfeld arbeiten möchten, das wertschätzend ist. Teilhabe verändert den Blick auf Arbeit – sie macht sie sinnstiftend.

Hier geht es nicht nur darum, was jemand kann, sondern darum, dass wir uns gegenseitig stützen. Dieses Vertrauen ist unser größter Gewinn.
Das spürt man im Alltag. Prozesse sind klar, Verantwortung wird geteilt, Rücksicht gehört selbstverständlich dazu. In der Küche herrscht Konzentration statt Hektik, im Service Verlässlichkeit statt Druck. „Am Ende profitieren alle“, sagt der Hoteldirektor. „Das Miteinander funktioniert – ruhiger, aufmerksamer, mit mehr Rückhalt füreinander.“
Das Hotel verändert auch das Leben außerhalb seiner Mauern. Eltern erzählen, wie ihre Kinder aufblühen, wenn sie hier arbeiten. Gäste schreiben, sie hätten so viel Menschlichkeit selten erlebt. Schulen schicken Praktikanten und Praktikantinnen, Betriebe fragen an, wie Inklusion im Alltag funktionieren kann.
„Wenn jedes Hotel nur ein oder zwei Menschen mit Behinderung beschäftigen würde, wäre schon enorm viel gewonnen“, meint Helferich. „Es gibt keine Barrieren – außer denen im Kopf.“
So wird das Haus zu einem Ort des Austauschs. Hier lernen nicht nur Menschen mit Handicap, sondern auch jene ohne – über Rücksicht, Verantwortung und den Wert des Miteinanders.
Natürlich ist Inklusion kein Selbstläufer. „Die Gäste zahlen den vollen Preis und haben Anspruch auf vollen Service“, sagt Helferich. Deshalb wird im Hotel auf Qualität geachtet – ohne Druck, aber mit Klarheit. Fehler dürfen passieren, sie werden genutzt, um zu lernen.
Das Hotel-Restaurant Anne-Sophie zeigt, wie Tourismus gesellschaftliche Verantwortung übernehmen kann. Es stärkt Lebensqualität vor Ort, schafft faire Beschäftigung, fördert Inklusion – und sensibilisiert Gäste wie Partnerbetriebe. Das Handlungsfeld „Soziale Nachhaltigkeit“ wird hier nicht erklärt, sondern gelebt.
„Die Hürde ist viel kleiner, als man denkt“, sagt Helferich. „Man muss nur anfangen.“
Am Abend, wenn die Lichter im Foyer gedimmt sind, verabschiedet Leo die letzten Gäste mit einem Winken. „Mein Wunsch wäre, dass wir irgendwann gar nicht mehr über Teilhabe reden müssen“, sagt Helferich. „Weil sie selbstverständlich ist.“
Bis dahin ist das Hotel-Restaurant Anne-Sophie mehr als ein Ort zum Übernachten. Es ist ein Beispiel dafür, wie soziale Nachhaltigkeit Gestalt annimmt – als Arbeitsplatz, der Menschen verbindet; als Lernort, der Haltung vermittelt; und als Raum, in dem man begreift, was es heißt, gemeinsam Zukunft zu gestalten.
Das Hotel-Restaurant Anne-Sophie gehört zur international tätigen Würth-Gruppe, die Carmen Würths Ehemann, Prof. Dr. h. c. mult. Reinhold Würth, Ehrenvorsitzender des Stiftungsaufsichtsrats der Würth-Gruppe, vom Zwei-Mann-Betrieb zum Weltkonzern mit über 87.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern entwickelte. Heute umfasst das Hotel fünf Gebäude mit 54 Zimmern, zwei Restaurants, einem Café, einer Bar, sechs Tagungsräumen, einer Vinothek, einer Konditorei und dem Ladengeschäft „Lindele“, in dem Erzeugnisse von benachteiligten Menschen aus aller Welt angeboten werden.
Die Würth-Gruppe und die gemeinnützige Stiftung Würth setzen sich für eine lebendige Kulturlandschaft und für das soziale Miteinander der Menschen ein. Das Familienunternehmen engagiert sich seit jeher für das Gemeinwohl und eine zukunftsfähige Gesellschaft.
Als starke Impulsgeberin setzt sich Carmen Würth seit Jahrzehnten konsequent und tatkräftig für ein barrierefreies Zusammenleben von Menschen mit und ohne Behinderung ein. Ihr außergewöhnliches Engagement spiegelt sich im Hotel-Restaurant Anne-Sophie wider. „Menschlichkeit und soziales Empfinden können nicht angeordnet werden, sondern sich nur aus der unmittelbaren Begegnung mit dem anderen Menschen bilden“, sagt Carmen Würth. „Mein Herzensanliegen ist es, Menschen zu gewinnen, um die Welt ein bisschen besser zu machen.“